Andachten

In der Corona-Zeit zwischen März 2020 und den Sommerferien 2020 erschienen immer mittwochs und sonntags Andachten von den Kirchengemeinden im Nordraum-Distrikt. Hier können Sie die Andachten nachlesen.

In den Sommerferien erschien wöchentlich ein Hausgottesdienst.

Wir freuen uns, dass wir mittlerweise wieder Präzenzgottesdienste feiern können und es wieder Veranstaltungen in unseren Gemeinden gibt. Daher wird der Newsletter nach den Sommerferien pausieren und zu besonderen Anlässen wieder reaktiviert.

 

Hausgottesdienst zum Sonntag, 13. September 2020. Durch die Wüste – von Umwegen und Gottes Wegzeichen. Von Pfarrer Bernd Rexer (Wannweil)

Kerze anzünden kurze Stille

Wir feiern im Namen Gottes, des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

 

 

Beten

Himmlischer Vater, wir kommen heute zu dir.

Voller Dankbarkeit für so vieles, das du uns schenkst.

Sommer, Sonne, Wärme, freie Zeit, Urlaub.

Freude, Gemeinschaft, Menschen, die uns lieben.

 

Aber da ist auch die ein oder andere Sorge.

Unsicherheit und manchmal auch Angst.

Angst, die uns die Kehle zuschnürt.

Sorge um unsere Welt, um unsere eigene Zukunft.

 

Wir kommen zu dir, weil du unsere Sehnsucht stillen,

und unsere Angst nehmen willst. Wir wollen auf dich hören,

uns Mut schenken lassen durch dein Wort.

In der Stille bringen wir vor Gott, was unser Herz bewegt.

 

Danke, dass du bei uns bist und uns hörst, und dass wir auf dich hören dürfen,

lieber Herr und Gott. Amen

 

Schriftlesung Exodus 13,17-22

 

Lied: 619,1-3 Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben

 

Predigt über Exodus 13,17-22

Durch die Wüste – von Umwegen und Gottes Wegzeichen

 

Die Wüste ist von alters her ein unheimlicher Ort

– menschenleer, karg, schweigsam, kahl. Lebensfeindlich.

Doch die Wüste ist auch ein Rückzugsort. Es gibt Wüstenklöster, wohin Menschen sich zurückziehen. Eben weil es dort so einsam und still ist.

Weil einen so wenig ablenkt. Und man seine Gedanken fokussieren kann. Weil man dort für sich klären kann, wie es weitergeht. Auf dem Lebensweg.

Da lenkt einen keine Leuchtreklame ab. Da ist es nicht laut und hektisch.

Da achtet man auf den Kern, das Zentrum, auf das, worauf es ankommt.

So bietet die Wüste auch besondere Chancen: Zur Neuorientierung, zum Auftanken, zur Vergewisserung.

 

Das Volk Israel kennt die Wüste auch.

Sie sind der Sklaverei in Ägypten entronnen, aber dann 40 Jahre in der Wüste unterwegs. Sie lagern am Rande der Wüste und wissen: Da müssen wir durch. Es steht vor uns ein Weg: Voller Gefahren, Unsicherheit und Zweifel. Und eine ihrer großen Fragen lautete: Wird Gott auch jetzt bei uns sein? In der Wüste?

 

Da machen sie die Erfahrung, die in Exodus 13,20-22 steht: 

20 So zogen die Israeliten aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. 21 Und Gott der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Durch die Wüste – von Umwegen und Gottes Wegzeichen, so heißt mein Thema heute. Zwei Aspekte möchte ich entfalten.

 

1. Sind Umwege immer sinnlos?

Der direkte Weg ins Gelobte Land ist den Israeliten versperrt. Das wäre die Route entlang der Mittelmeerküste. Aber sie führt durch das stark befestigte Gebiet der Philister. Das Volk Israel wäre in endlose Kämpfe verwickelt. Würde vielleicht besiegt und vernichtet. Darum mutet Gott ihnen den Umweg über die Wüste zu. Um sie zu schützen.

 

Vielleicht musstest du dieses Jahr auch Umwege zu gehen.

UMWEG – das Wort hat keinen guten Klang. Häufig sind Umwege beschwerlich, lästig, ärgerlich, verlangen einem viel ab.

Aber: Umweg = Irrweg? Nein, so einfach stimmt die Gleichung nicht!

Und sie ist ohne Gott gemacht.

 

Im Nachhinein hat das Volk Israel diese 40 Jahre durch die Wüste

als heilsame Zeit angesehen. Denn sie machen unglaubliche Erfahrungen mit Gott: In der Wüste tut er Quellen für sie auf und lässt Manna regnen. Er bewahrt sie vor vielerlei Gefahren. Und Gott gibt ihnen mit den zehn Geboten wichtige Grundlagen, damit das Zusammenleben in der Freiheit gelingt.

 

All dies waren Erfahrungen auf Umwegen, auf Wüstenwegen. Doch sie waren so kostbar, dass sie Urerfahrungen des Glaubens wurden. Wegweisend bis heute.

 

Und damit sind wir bei uns und unseren eigenen Umwegen. Können wir uns richtig über Umwege aufregen? Ich schon.

 

Aber haben wir nicht auch schon erlebt, dass aus Umwegen Segenswege wurden?

Katja erzählt: „Als ich in der Schule sitzenblieb, war ich am Boden zerstört. Ich habe an mir selbst gezweifelt und war sehr traurig. Alles war in Frage gestellt. Aber dann habe ich in der neuen Klasse eine andere Lehrerin bekommen, die war wie ein Glückslos für mich. Ich war motiviert zu lernen und die Noten wurden immer besser. Sie hat mein Leben entscheidend geprägt“.

 

Für was etwas gut oder nicht gut ist, das stellt sich oft erst später heraus. Eine kleine Geschichte zeigt dies sehr deutlich:

Ein Bauer hatte nur wenige Äcker. Mit seinem einzigen Pferd schickte er jeden Tag seinen Sohn aufs Feld. Eines Tages lief der Gaul einfach weg.

„Ein Unglück“ riefen die Nachbarn des Bauern:

„Du wirst dein Feld nicht bestellen können. Nichts zu essen haben.“

Der alte Bauer blieb ruhig und sagte: „Woher wisst ihr, dass es ein Unglück ist?“

In der nächsten Woche kehrte der Gaul zurück und brachte zehn Wildpferde mit sich. „Was für ein Glück du hast,“ riefen die Nachbarn. Der Bauer blieb ruhig und sagte: „Woher wisst ihr, dass es ein Glück ist?“

Der Sohn des Bauern wollte eines der Wildpferde zureiten stürzte und brach sich ein Bein. „Was für ein Unglück du hast“ – riefen die Nachbarn.

„Woher wisst ihr, dass es ein Unglück ist“ – sagte der Bauer.

Dann kam ein Krieg, alle jungen Männer wurden zum Krieg eingezogen.

Nur der Sohn des Bauern nicht, weil er sich beim Sturz vom Pferd

ein Bein gebrochen hatte. Glück oder Unglück?

Für was etwas gut ist oder nicht, das stellt sich oft erst später heraus.

 

2. Feuersäule und Wolkensäule – Gottes Wegzeichen:

 „… und sie lagerten sich in Etam am Rande der Wüste“.

 

Wie oft fühlten wir uns in den letzten Monaten nach Nachrichten-sendungen wie „am Rande der Wüste“?! Wenn Corona die Welt lahmlegt. Wenn der Arbeitsplatz auf dem Spiel steht. Wenn man die Liebsten nicht mehr besuchen darf. Wenn man um die eigene Gesundheit Angst haben muss. Wenn die Grenzen

zwischen Wahrheit und Lüge verschoben werden.

 

Da kommt wieder Gott ins Spiel. Genauer gesagt: eine ganz neue Erfahrung mit Gott, die das Volk Israel macht.

 

Gott zeigt sich als Weg-Gott.

Nicht als weg-Gott, der weg ist, wenn’s ernst wird. Als einer, der in die Wüste mit hineingeht. Das war etwas noch nie Dagewesenes.

In den religiösen Traditionen der damaligen Zeit hatten die Gottheiten alle ihren festen Ort: eine Quelle, eine Höhle, ein Baum, ein heiliger Berg oder ein Heiligtum. Dort waren Götter anzutreffen und aufzusuchen. Aber sie waren eben auch statisch, an einen Platz gebunden. Unflexibel und leblos.

Aber nun erfährt das Volk Israel etwas umstürzend Neues: Unser Gott geht mit. Sogar mit in die Wüste hinein. Er bleibt in unserer Nähe. Was für ein Trost, was für eine Hoffnung: Auch dort, wo es unheimlich ist und gefährlich, bleibt Gott bei uns. Das verändert alles.

 

Und da kommen nun die Wegzeichen ins Spiel!

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule,

um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

 

Wo erleben wir Hinweise, auf Gottes Wegzeichen? Die uns vergewissern, dass Gott mit uns auf dem Weg ist?

Hier sind es WOLKEN.

Das Neue Testament spricht auch von der „Wolke der Zeugen“. Und das heißt ja: es gibt immer wieder Fingerzeige Gottes zu entdecken. Vielleicht sind wir Menschen begegnet,

die ihr Christsein so leben, dass wir von ihnen motiviert und mit neuer Glaubenskraft angesteckt wurden.

Oder wir haben einen Bibelvers oder eine biblische Geschichte gelesen, die uns so richtig ermutigt haben oder getröstet. Oder wir haben einen Liedvers gehört, der unser Herz berührt und uns gestärkt hat.

 

Zur FEUERSÄULE.

In der Silvesternacht erleuchten viele Feuerwerke den Himmel. Ein grandioses Schauspiel. Doch nur für kurze Augenblicke. Gottes Feuerschein ist von anderer Qualität. Gottes Feuersäule kann auch Wüstennächte erleuchten. Als wir in Trauer versinken wollten… war er da. Als Sorgen uns umstellten… half er uns durch. Vielleicht erlebten wir da ganz konkret: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht. Es hat Zukunft und Hoffnung gebracht“.

 

Unser Thema, dieser Bibelabschnitt ist wie geschaffen für das Innehalten auf dem Weg, wie im Urlaub, wo wir etwas runterfahren können. Er gibt uns Denkanstöße mit. Und will unser Vertrauen auf Gott stärken. Dass wir nach seinen Wegzeichen in unserem Leben Ausschau halten.

 

Ich wünsche uns segensreiche Entdeckungen. 

Amen.

 

 

Fürbittengebet

Für wen möchte ich heute besonders bitten?

Welche Ungewissheiten begleiten mich?

Welche kleinen und großen Aufbrüche bringe ich vor Gott?

Wofür bin ich dankbar?

 

Vaterunser

 

Vertrauensstrophe:  EG 576

Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht,

auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

Auf dich vertrau ich und fürcht nich nicht.

 

Segen

Hände wie eine Schale formen und sprechen:

 

„Der Herr segne dich und behüte dich, er behüte dich vor allem Bösen. Er behüte deinen Leib und deine Seele. Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit. Amen.“

 

Musik / Stille - Kerze auspusten

 

Hausgottesdienst zum Sonntag, 6. September 2020 - Voller Ungewissheit und mit großer Zusage Abrahams und Sarahs Aufbruch (Pfarrerin Inga Kaltschnee, Sickenhausen)

Bild: Inga Kaltschnee

Kerze anzünden                            kurze Stille

Wir feiern in Gottes Namen. Im Namen Gottes, des Vaters, der Quelle unseres Lebens, im Namen Jesu, der unser Bruder ist und im Namen des Heiligen Geistes, der uns mit dem Feuer der Begeisterung beschenkt. Amen

 

Beten

Psalm 121                 

Lebendiger Gott, immer wieder brechen wir in unserem Leben neu auf. Wir bitten dich, begleite alle kleineren und größeren Aufbrüche unseres Lebens. Schenke uns auch immer wieder Ruheoasen, wie diesen Gottesdienst. Gib uns nun neue Kraft durch deine Gegenwart und stärke uns. In der Stille bringen wir alles, was uns bewegt vor dich:

Stilles Gebet

Du stellst unsere Füße auf weiten Raum und hörst unser Gebet. Amen

Schriftlesung

Mt 4, 18-25

 

Befiehl du deine Wege, EG 361, 1-4

 

Predigt

Vor ein paar Wochen wurden die großen Kindergartenkinder aus dem Kindergarten verabschiedet. Als ich mir überlegte, welche der zahlreichen Geschichten der Bibel wohl passen könnte, kam ich auf Abraham. Die Geschichte von Abraham und Sarah lässt sich für ganz unterschiedliche Lebenssituationen erzählen. Es geht um einen großen Aufbruch und Aufbrüche gibt es immer wieder im Leben. Bei den Kleinen der Wechsel in die Schule, später in die weiterführende Schule, der Berufsstart, Umzüge, später der Eintritt ins Rentenalter oder das Leben mit einer Krankheit oder Einschränkungen. Jeder dieser Aufbrüche hat seine ganz eigenen Herausforderungen. Aber was können wir bei diesen Aufbrüchen aus der Geschichte von Abraham und Sarah lernen?

Hören wir aus dem ersten Buch der Bibel, dem 1. Buch Mose/Genesis, wie es den beiden ergangen ist:

1.) Und der HERR sprach zu Abram: „Geh du aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dich sehen lassen werde.

2.) Und ich werde dich zu einem großen Volk machen und werde dich segnen und will deinen Namen groß machen und du sollst ein Segen sein.

3.) Und ich will segnen, die dich segnen und den, der dich verflucht, will ich verfluchen und mit dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde.

4.) Und Abram ging wie der HERR zu ihm gesagt hatte und Lot ging mit ihm. Und Abram war 75 Jahre alt, als er aus Haran herausging.

5.) So nahm Abram Sarai, seine Frau, und Lot, seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und die Leute, die sie erworben hatten in Haran, und zogen aus, um ins Land Kanaan zu gehen.

Voller Ungewissheit?

Ganz kurz wird hier ein riesiger Aufbruch und Umbruch beschrieben. Wenn man den ersten Vers des Textes genauer betrachtet, wird einem auch eine gewisse Dramatik bewusst. Abraham und Sarah sollen ihr Land verlassen, ihre Verwandtschaft und ihr Elternhaus. Es sind drei Kreise, die eng miteinander verbunden sind und die Schwere des Aufbruchs darstellen: Land, Verwandtschaft, Elternhaus. Ziel: unbekannt. Für mich wären das riesige Schritte gewesen und ich hätte wohl gesagt, da muss ich jetzt erstmal drüber nachdenken. Aber wie die Jünger in der Schriftlesung (Mt 4) ziehen Abraham und Sarah los. Von Zweifeln oder Fragen steht hier nichts. Wenn vor mir ein großer Aufbruch steht, dann denke ich längere Zeit darüber nach und wäge die Optionen ab, bis ich so mutig und entschlossen wie die Jünger, wie Abraham und Sarah losziehen kann. Vielleicht werden die Fragen und Zweifel, die Abraham und Sarah, die die Jünger bewegt haben könnten, nicht beschrieben, vielleicht ist es aber auch Gottes große Zusage, die sie trägt und ihnen Mut gibt.

Mit großer Zusage in kleinen Schritten?

Zu dem dreifachen Aufbruch: aus dem Land, von der Verwandtschaft, aus dem Elternhaus, gibt es auch eine mehrfache Zusage und Verheißung Gottes. Gott verspricht Abraham und Sarah Land, Mehrung und vor allem Segen. Gott sagt: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Das geographische Ziel ist zwar Abraham und Sarah nicht bekannt und der Aufbruch bringt Ungewissheiten mit sich, aber sie haben dennoch ein Ziel. Das Ziel ist Gottes Verheißung und Zusage, der Segen, den Gott ihnen schenken will und zuspricht. Vielleicht nimmt ihnen dieses Ziel Zweifel und Ängste vor dem Unbekannten. Diese große Zusage lässt sie aufbrechen. Im letzten Vers leuchten die vielen Schritte auf, die Abraham und Sarah vor ihrem Aufbruch gemacht haben. Wie sie ihre Habe mitnehmen, dazu gehören natürlich auch die Tiere, Schafe oder Ziegen, und ihren Neffen Lot und losziehen. Auch ein großer Aufbruch geschieht in kleinen Schritten. Nicht alle sind davon hier aufgeschrieben, aber es ist klar, dass wer aufbrechen will, immer zuerst einen ersten Schritt machen muss. Und dann einen Schritt nach dem anderen. So ist es bei jedem Aufbruch. Abraham und Sarah steigen aus dem Kreislauf aus. Sie wagen es ungewöhnliche Wege zu gehen.

Auf Durchreise

Abraham und Sarah ziehen also los und die Zusage Gottes: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein, begleitet sie. Letzten Endes ist es auch tröstlich zu wissen, dass wir an ganz unterschiedlichen Orten und auf ganz unterschiedliche Art und Weise zum Segen werden können. Das kann Ängste und Sorgen nehmen. Dazu passt auch eine kurze Geschichte, die von einem Menschen handelt, der aufgebrochen ist nun auf Zwischenstation.

Ein Tourist macht Station in einem Kloster. Er wird freundlich aufgenommen, und man bietet ihm eine Mönchszelle als Schlafquartier an. Darin stehen nur ein Bett und ein Stuhl. In der Tür fragt der Tourist erstaunt: „Und wo sind Ihre Möbel?“ „Wo sind denn Ihre?“, erwidert der Mönch. Verwirrt antwortet der Tourist: „Ich bin ja nur auf der Durchreise.“ Der Bruder lächelt: „Wir auch.“

Mut zum Aufbruch

Wir sind auf Durchreise. Dieses Wissen kann uns gelassener machen. Es ist die Zusage Gottes, dass wir in Gott unsere eigentliche Heimat haben. Im irdischen Leben gibt es immer wieder neue Aufbrüche, wir sind nie ganz angekommen. Ich bin ein Mensch, der in seinem Leben sehr oft umgezogen ist. Aber auch Menschen, die beinahe ihr ganzes Leben oder jahrzehntelang an einem Ort verbringen, brechen immer wieder neu auf. Und das gelingt gut, wenn sie ein Ziel haben. Das kann auch ein unscharfes Ziel sein, wie bei Sarah und Abraham, die den genauen Ort nicht kennen, wo sie hingehen, aber ihr Ziel ist es gesegnet zu sein und anderen zum Segen zu werden. Das gibt ihnen den Mut zum Aufbruch. Menschen brechen immer wieder neu auf. Wo könnte es in Ihrem/in deinem Leben einen Aufbruch geben?

Persönliche Aufbrüche

Menschen brechen neu auf. Wenn sie nach dem Tod eines geliebten Menschen ihr Leben neu ordnen, andere Kontakte suchen oder sich einen neuen Tagesablauf geben. Menschen brechen neu auf; wenn sie sich mit Eintritt ins Rentenalter ein neues Ehrenamt suchen. Menschen brechen neu auf; wenn ein Kind geboren wird oder das Haus verlässt. Menschen brechen neu auf; wenn sie sich in ihren Gewohnheiten unterbrechen lassen und es wagen andere Wege zu gehen. All diese Aufbrüche brauchen -wie bei Abraham und Sarah- einen ersten Schritt und sind die ersten Schritte erstmal gemacht, wird es oft leichter. Wo könnte es in deinem/in Ihrem Leben einen Aufbruch geben? Was könnte der erste Schritt sein?

Gemeinsame Aufbrüche

Nicht nur wir persönlich können neu aufbrechen, auch Kirchengemeinden sind immer wieder neu am Aufbrechen. Das ist sozusagen das Dasein auf der Durchreise. Schon immer hat Kirche sich verändert. Veränderungen gehören zum Leben. Und so kann auch Neues entstehen, wie beispielsweise die Newsletter in der Coronazeit oder die Predigtreihe vor einigen Jahren.

Bei allen gemeinsamen oder persönlichen Aufbrüchen kann uns ein Satz aus dem Predigttext begleiten: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Mit dieser großen Zusage können wir allen Ungewissheiten begegnen.

Aufbrüche gehören zu unserem Leben. Und so gehört auch immer etwas Ungewissheit zu unserem Leben. Abraham und Sarah waren vielleicht auch voller Ungewissheit, aber sie hatten die große Zusage und das Ziel: Gottes Segen. Das kann uns in den kleinen großen Aufbrüchen Mut geben, den ersten Schritt zu wagen.

Amen

 

Geh unter der Gnade, EG 543, 1-3

 

Fürbittengebet

Für wen möchte ich heute besonders bitten?

Welche Ungewissheiten begleiten mich?

Welche kleinen und großen Aufbrüche bringe ich vor Gott?

Wofür bin ich dankbar?

Vaterunser

 

Bewahre uns, Gott, EG 171, 1-4

 

Segen

Hände wie eine Schale formen und sprechen: „Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.“

Musik / Stille - Kerze auspusten

Reisen und ihre „heimliche Bestimmung“. Der Kämmerer aus Äthiopien Hausgottesdienst im Rahmen der Sommerpredigtreihe „Hin und weg“ für Sonntag, den 30. August 2020 (Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe)

Das Bild stammt von Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe, aufgenommen im Urlaub in Potsdam im Jahr 2020.

Kerze anzünden – Persönliches Innehalten

Eingangsgebet

Großer und reicher Gott, barmherziger Vater,

du schenkst uns Orte und Räume, wo du zu uns kommen willst mit deinem Wort

und wo wir zu dir kommen können mit Gebet, Klage und Lob, Sorgen und Ängsten.

Sei in unserer Mitte, so oft wir uns versammeln,

nach der Verheißung deines Sohnes Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

 Lied: EG 200,1-2.4       (Ich bin getauft auf deinen Namen)

 

Predigt (Apg 8,26-39)

Liebe Gemeinde,

 

alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.

Diese Worte stammen vom jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Sie tragen, so finde ich zumindest, einen Funken Wahrheit in sich.

Aufbrechen, sich auf den Weg machen, etwas entdecken, erleben und erreichen wollen – das kann alles gut geplant und ausgedacht sein. Und doch bleibt da oft ein nicht eingeplanter oder unverhoffter Überraschungsmoment.

 

Ich denke da beispielsweise an die Coronazeit.

Wahrscheinlich hat sich jede und jeder von Ihnen diesen Sommer anders vorgestellt. So Vieles hatte jede und jeder von uns angedacht und geplant. Seien es Reisen, Familienfeste, Veranstaltungen in unseren Gemeinden, die Welt erkunden nach dem Schulabschluss oder im Ruhestand. Jetzt ist alles anders. Entdecken wir auch auf dieser Reise etwas unverhofftes Bereicherndes oder prägt uns gerade vielmehr Verzweiflung und nur ein dunkler Weg?

 

Ich denke da beispielsweise an unsere Kirche und Kirchengemeinden.

Auch wir befinden uns in der Landeskirche in neuen Aufbrüchen und auf dem Weg: Neben der Corona-Krise geistert auch weiterhin der Pfarrplan durch die Gemeinden beziehungsweise hat an der ein oder anderen Stellen bereits gegriffen. Zudem stehen Haushalts- und Finanzgespräche aufgrund der oftmals weit ausgreifenden Defizitsituation an. Viele fragen sich bei uns: „Wie geht es mit unserer Gemeinde und der Arbeit vor Ort weiter?“ Wege und Perspektiven, die so manche Unsicherheiten mit sich bringen – aber vielleicht nicht auch Chancen und Platz für weitere neue und kreative (Finanzierungs)Ideen?

 

Und ich denke da zuletzt an die Urlaubs-, Ferien- und Reisezeit, in die einige schon aufgebrochen sind oder aus der jetzt zurückkehren werden.

Viele von uns waren oder werden vielleicht weiterhin unterwegs sein: Wir haben – vereinzelt sicherlich – neue Orte und Ländern bereist, haben neue Eindrücke vorgefunden und haben vom Alltagsstress Abstand zu suchen versucht. Wir wollten auftanken oder vielleicht neue Impulse für das eigene Leben suchen. Und haben vielleicht auch das ein oder andere Überraschende miterlebt – etwas, das wir entweder gleich wieder aus unserem Gedächtnis streichen oder aber noch eine Weile davon zehren können.

 

Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.

Davon erzählt uns die Bibel heute auch in unserem Predigttext. Es ist die Geschichte eines Mannes aus Äthiopien. Nach damaligem Verständnis war Äthiopien an der Grenze der Zivilisation. Von dort hat er sich nach Jerusalem aufgemacht, „um anzubeten“ (Apg 8,27).

In der Apostelgeschichte des Lukas heißt es im achten Kapitel: Apg 8, 26-39

 

Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.

Die Reise, von der Lukas hier erzählt, hat an dieser Stelle seiner Apostelgeschichte eine ganz besondere Bedeutung.

Lukas stellt uns diesen Kämmerer aus Äthiopien als einen gebildeten Menschen vor, der Einfluss und Vermögen hat. Der Kämmerer ist nämlich für die Finanzen der Mutter des äthiopischen Königs zuständig. Lukas stellt uns diesen Kämmerer aus Äthiopien als einen Mann vor, der quer zu den gängigen Vorstellungen von Geschlecht steht: Denn er war ein Verschnittener und konnte keine Kinder zeugen. Ja – er repräsentiert sogar einen Verehrer Gottes, der nicht aus dem Judentum oder der römischen Kultur, sondern eben vom Rande der Welt kommt.

Und so gewinnt diese Geschichte den Status einer Schlüsselszene innerhalb der Apostelgeschichte. Denn sie erzählt von der Ausbreitung der frohen Botschaft von Jesus Christus über die Grenzen von Geschlecht, Volkszugehörigkeit und sozialem Status hinweg.

 

Doch zuerst sitzt der Kämmerer ahnungslos in seiner Kutsche. Die Luft ist staubig. Hart rollen die Holzräder der Kutsche über den steinigen Untergrund. Stundenlang ist der Kämmerer schon unterwegs. Aber es gelingt ihm nicht, zur Ruhe zu kommen. Ihm ist heilig zumute geworden, als er den Tempel in Jerusalem gesehen und betreten hat. So lange hat er auf diese Reise gewartet. Seine Gedanken wandern zurück.

In seinem Schoß liegt eine Schriftrolle, die er in Jerusalem erworben hat. Wieder und wieder liest er die Worte, aber er versteht sie nicht: „Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf“ (Apg 8,32), murmelt er vor sich hin. „In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben.“ Der Kämmerer schaut an sich herunter. Sein Kleid ist aus feinem Stoff, an seinen Fingern funkeln kostbare Ringe. Und doch findet er keine Antwort auf die Fragen, die ihn umtreiben.

Aber der Satz gilt auch für ihn: „Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.

 

Die erste Bestimmung seiner Reise, die der Kämmerer nicht ahnt, ist die Begegnung mit Philippus: „Verstehst du auch, was du liest?“ (Apg 8,30)

In der Wüste und größten Einöde kommt es plötzlich zu einer unverhofften Begegnung.

Philippus, vom Geist Gottes geführt, steigt zum Kämmerer in den Wagen. Und nicht nur das: Gemeinsam gehen sie beide, Menschen ganz unterschiedlicher Couleur, den Fragen des Kämmerers auf die Spur. Wie eine Hebamme hilft Philippus dem neugierigen Kämmerer, vom Lesen zum Verstehen zu gelangen. Und so entdecken sie gemeinsam im Gespräch über die Worte des Propheten Jesaja Gott. Gott, so wie er sich in Jesus Christus zeigt: Als der, der sich unserer Schuld annimmt, damit wir leben können.

 

Die zweite Bestimmung seiner Reise, die der Kämmerer nicht ahnt, ist sein Wunsch, sich taufen zu lassen: „Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?“ (Apg 8,36)

In der Wüste und größten Einöde kommt es plötzlich zu einem neuen Verstehen des eigenen Lebens.

Philippus und der Kämmerer steigen aus der Kutsche und gehen ins Wasser, wo sich der Kämmerer taufen lässt.

Durch die Taufe beginnt er, sein Leben neu zu verstehen und zu verorten: „Mein Leben kommt nicht aus meiner Hand. Ich verdanke mich nicht meinem eigenen Tun und auch nicht der Anerkennung der anderen. Ich bin gewollt und anerkannt, so wie ich bin. Ich bin nicht allein. Gott geht mit.“

 

Die dritte Bestimmung seiner Reise, die der Kämmerer nicht ahnt, ist das Glück, das ihn erfüllt: „Er zog aber seine Straße fröhlich.“ (Apg 8,39)

In der Wüste und größten Einöde kommt es plötzlich zu einer neuen Lebenshaltung.

Erfüllt von Glückseligkeit und Freude zieht der Kämmerer seinen Weg in sein Heimatland. Bald wird ihn der Alltag wiederhaben, bald wird sich das Hamsterrädchen wieder drehen, bald wird er als Finanzminister wieder Zahlen und Geld in seinem Kopf haben.

Und dennoch stehen nun die Chancen gut, dass sich seine Glaubenserkenntnis immer wieder Bahn bricht und er sich erinnert:

„Mein Leben ist eine Gabe Gottes. Ich bin getauft. In Jesus Christus zeigt sich das menschliche Antlitz Gottes. Ihm kann ich mein Dasein anvertrauen. Erfüllt mit dem Geist Gottes kann ich mein Leben zuversichtlich gestalten.“

 

Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt.

Das gilt nicht nur für die Reise des Kämmerers aus Äthiopien. Das gilt auch für unsere Reisen und Lebenswege, liebe Gemeinde.

Manchmal wissen wir nicht genau…

…wohin unsere Reise geht und was kommen wird.

…was wir gemeinsam an Überraschendem erleben und was für Höhen und Tiefen unser Leben bereithält.

…was für neue Herausforderungen an uns gestellt werden und angegangen werden müssen.

…wo wir neue Impulse für unser Leben finden können.

 

Und doch wünsche ich uns allen, dass wir wie der Kämmerer nichtsahnend und plötzlich immer wieder aufs Neue überrascht werden:

Von Menschen, die uns auf unseren Wegen begleiten und uns durch Worte, Gesten und Gebet unterstützen.

Von der Erinnerung von Gottes Zusage: „Mein Leben kommt nicht aus meiner Hand. Ich verdanke mich nicht meinem eigenen Tun und auch nicht der Anerkennung der anderen. Ich bin gewollt und anerkannt, so wie ich bin. Ich bin nicht allein. Gott geht mit.“

Und von der Fröhlichkeit, die uns aus dieser erinnernden Zusage heraus zuversichtlich werden lässt. Trotz allem.

Amen.

 

Lied: EG 395,1-3 (Vertraut den neuen Wegen)

 

Fürbittengebet

Fürsorglicher Gott, du hast den Kämmerer fröhlich seine Straße ziehen lassen. Wir bitten dich für alle Reisenden. Behüte und segne sie auf ihren Wegen. Schenke ihnen Erholung und neue Kräfte und öffne ihre Herzen für deine Schöpfung, für dich und deine Gegenwart.

Fürsorglicher Gott, lass uns alle unsere Straßen fröhlich ziehen.

 

Gnädiger Gott, du hast in Christus die Elenden erlöst. Wir bitten dich für die Leidenden, die Einsamen, die Kranken und die Trauernden. Steh du ihnen bei.

Gnädiger Gott, nimm dich der Niedrigen an.

 

Heiliger Gott, der Kämmerer hat sich taufen lassen. Wir bitten dich für alle Getauften, erhalte sie in deiner Gnade, damit sie immer tiefer ergreifen, welche Liebe du zu deinen Menschen hast.

Amen.

 

Vaterunser

 

Segen

Der Herr segne euch und behüte euch.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

 

 

Kerze auspusten – Stille

Haus-Gottesdienst für Sonntag, 23. August 2020, Predigtreihe „Reisen“ (Pfarrer Jörg Schweizer, Degerschlacht)

Kerze anzünden – Persönliches Innehalten

Eingangsgebet

Wir beten mit Worten von Martin Luther:

Das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist! Amen.
Ich danke dir, mein himmlischer Vater,
durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn,
dass du mich diese Nacht
vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte dich,


du wollest mich diesen Tag auch behüten
vor Sünden und allem Übel,
dass dir all mein Tun und Leben gefalle.
Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele
und alles in deine Hände.
Dein heiliger Engel sei mit mir,
dass der böse Feind keine Macht an mir finde.
Amen

 

Wochenspruch: "Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade."  (1. Petrus 5, 5)

 Lied: 449,1-2+4+6          Die güldne Sonne

Predigt

Predigttext

Apostelgeschichte 20

32 Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade, der da mächtig ist, euch zu erbauen und zu geben das Erbe mit allen, die geheiligt sind. 33 Ich habe von niemandem Silber oder Gold oder Kleidung begehrt. 34 Denn ihr wisst selber, dass mir diese Hände zum Unterhalt gedient haben, mir und denen, die mit mir gewesen sind. 35 Ich habe euch in allem gezeigt, dass man so arbeiten und sich der Schwachen annehmen muss im Gedenken an das Wort des Herrn Jesus, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen. 36 Und als er das gesagt hatte, kniete er nieder und betete mit ihnen allen. 37 Da begannen alle laut zu weinen, und sie fielen Paulus um den Hals und küssten ihn, 38 am allermeisten betrübt über das Wort, das er gesagt hatte, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen. Und sie geleiteten ihn auf das Schiff.

 

Liebe Lese-Gemeinde!

 

Am Ende einer Reise durch Kleinasien verabschiedet sich Paulus nach erlebnisreicher Zeit von den Christen in Ephesus. Bewegende Szenen spielen sich ab. Tiefe Gefühle werden berührt. Und Paulus möchte eine Botschaft zurücklassen: Es ist ein Wort von Jesus, das es in sich hat und zugleich fast sprichwörtlich ist. Ein Wort übrigens, das wir nicht in den Evangelien finden, sondern hier als ein Zitat: Geben ist seliger als nehmen.“

Mit einem Jackett, das ganz mit Geldscheinen beklebt ist, läuft ein Mann durch die Stadt. Auf dem Schild in seiner Hand steht: „Nimm, was du brauchst!“ Ein Obdachloser zögert und nimmt vorsichtig zwei Geldscheine. Dagegen pflückt eine gut gekleidete Frau mit teurer Tasche am Arm eine Banknote nach der anderen vom Jackett. „Brauchen Sie das Geld wirklich?“, wird sie gefragt. Schnippisch entgegnet sie: „Klar. Ich will noch ins Nagelstudio!“

„Es dreht sich fast alles ums Geld“, hören wir viele sagen. Na klar, wer kein Geld verdient, kann seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten, nicht in den Urlaub fahren oder irgendeine Anschaffung tätigen. Doch vermehrt sich das Geld auf dem Konto, entwickelt sich bei vielen ein Suchtverhalten. „Ich will mehr haben, immer mehr!“ Manche sammeln Geld wie andere Briefmarken. Das Geld ist so anziehend, dass sie nie genug davon haben können. Geldgier nennt sich diese Haltung. Einige Beispiele gefällig?

Fußballer wechseln den Verein und gehen ins Ausland, nur um eine paar Millionen mehr zu verdienen. Sie werden aber vermutlich nicht so lange leben, um alles Geld aufbrauchen zu können.

Altgediente Politiker sind sich nicht zu schade, einen fragwürdigen Posten anzunehmen, nur um noch mehr zu verdienen, obwohl sie längst ausgesorgt haben.

Wer eine größere Summe erbt, dem fällt es plötzlich ungemein schwer, abzugeben und zu teilen.

Um Steuern zu sparen, melden viele betuchte Bürger ihre Haushaltshilfe nicht an.

Wohlhabende Grundbesitzer bekommen es nicht übers Herz, freie Bauplätze an junge Familien zu verkaufen.

Es ist schon eigenartig: Kostet eine Konzertkarte 15 €, wird diese anstandslos bezahlt. Findet ein gleichwertiges Konzert bei freiem Eintritt statt, kann sich mancher Musikfreund nicht von seinen 15 € trennen. Er wirft dagegen eine kleine Münze in den Klingelbeutel.

Die Gier nach Geld hat uns fest im Griff. „Geldgier ist die Wurzel alles Übels (aller möglicher Übel)“, heißt es in der Bibel. Die Geldgier hat negative Folgen. Erbstreitigkeiten entzweien Familien. Unfriede macht sich breit. Geizige verlieren Freunde. Wer will schon mit einem Geizigen ausgehen? Wo Menschen sich bestechen lassen, werden Gesetze gebrochen und das Recht mit Füßen getreten.

Was macht die Menschen letztlich glücklich und zufrieden? Das Streben nach immer mehr Geld und Besitz? Jesus hat dafür ein anderes Rezept, und das ist sogar wissenschaftlich belegt: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg. 20, 35). Wer sich großzügig und großherzig anderen Menschen gegenüber verhält, wird glücklich dabei. Das haben Forscher der Universität Zürich festgestellt. Schon das Versprechen, jemand etwas zu geben, löst eine Veränderung im Gehirn aus, die die Menschen glücklich macht.

Für diese Erfahrung benötigen wir jedoch keine Forscher aus der Schweiz. Das kann jeder von Ihnen selbst erleben. Lassen Sie sich genügen an dem, was Sie haben, und machen Sie anderen eine Freude, mit dem, was Sie abgeben. Das erst macht Ihr Leben reich.

 

 

Lied nach der Predigt: Nl 15 Dass die Sonne jeden Tag

 

Fürbitten:

Vater, in deinen Händen sind mein Körper und mein Geist.

Ich kann mein Leben nicht planen, nicht machen und nicht voraussagen.

Aber ich danke dir, dass ich deine Führung erkenne. Ich staune, Herr, über den Plan, nach dem mein Leben verläuft.

Über die Wendungen, die mein Schicksal nahm, über seine Höhen und Tiefen.

Du greifst ein, und manchmal erkenne ich, dass es so kommen musste.

Du machtest meine Gedanken und Pläne zunichte, und am Ende entdeckte ich: so war es gut.

Ich weiß, Herr, dass du mich am Leid nicht vorbei führt, aber du führst mich hindurch.

Und wenn ich im finsteren Tal wandere und deine Hand nicht finde, so fürchte ich doch kein Unglück, denn du bist bei mir.

Ich vertraue dir, Herr und Vater, auch wenn ich dich oft nicht verstehe.

Ich überlasse mich dir, auch wenn du mir oft ein Rätsel bist. Einzig dies wünsche ich, dass dein Wille sich an mir erfüllt.

Amen. - (Jörg Zink)

 

 

Miteinander beten wir das Gebet unseres Herrn Jesus Christus:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Herr segne euch und behüte euch.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

 

 

Kerze auspusten – Stille

Mose und der brennende Dornbusch - Andacht zum 29.07. von Pfarrerin Dorothee Beer (Altenburg)

Feuer: ein Feuer steht oft für Wärme und Gemütlichkeit. Und gleichzeitig ist es eine Naturgewalt, die Gefahr bedeuten kann. Mose und der brennende Dornbusch – auch hier steht das Feuer für beides. Gottes Stimme spricht aus dem Feuer. Sie macht sich Mose vertraut und verheißt ihm Gutes. Und dennoch hält Gott Mose auf Abstand. „Zieh deine Schuhe aus“, sagt Gott zu Mose, „denn du stehst auf heiligem Land.“ Vertrauen, Geborgenheit – und Ehrfurcht und Erzittern zugleich.

Immer wieder kann es uns im Leben so ergehen wie Mose. Wir werden vor neue Situationen, neue Aufgaben gestellt. Neues kommt auf uns zu. Wir brauchen dann das Vertrauen, uns auf Neues einzulassen, neue Schritte zu wagen. Wir brauchen Vertrauen in uns selbst. Wir brauchen die Hilfe anderer. Immer wieder kann es uns wie Mose ergehen, der vor seiner Aufgabe zurückschreckt und sagt: „Sende, wen du willst, aber nicht mich.“

Sei es die Corona-Zeit, die uns vor neue Herausforderungen stellt, sei es dann das kommende neue Schuljahr oder ein neuer Arbeitsplatz. Sie und ich – wir dürfen diese Zweifel und Ängste haben.

Im Konfirmandenunterricht, wo wir diese Geschichte besprochen haben, fanden die Konfirmandinnen und Konfirmanden es besonders eindrücklich, dass Mose es schafft, seine Zweifel zu überwinden.

Wodurch gewinnt Mose Mut?

Er gewinnt Mut durch Gottes Hilfe. Gott verspricht, Mose zu begleiten. Das bedeutet sein Name, mit dem er sich Mose vorstellt: „Ich bin, der ich bin“, oder: „ich werde sein, der ich sein werde“ – also: ich bin verlässlich da, ich will dich begleiten. Zudem stellt Gott Mose eine menschliche Hilfe zur Seite: sein Bruder Aaron soll für ihn sprechen.

Das zeigt auch uns: Wegbegleiter können uns unterstützen und uns zur Seite stehen. Das Feuer – mit seiner Nähe und Geborgenheit und zugleich mit dem ehrfürchtigen Abstand vor der Gefahr – das ist zugleich ein Bild für Gott, für das Leben und wie wir es verstehen. Mal mag alles ganz leicht und einfach erscheinen. Mal hadern wir mit Gott und dem Leben, und beides gehört dazu.

Gemeinsam haben wir im Konfirmandenunterricht Situationen gesammelt, in denen Menschen Gott besonders nahe sein können. Wir haben sie auf Flammen notiert. Es sind nicht unbedingt Situationen, in denen es uns besonders gut geht. Da steht zum einen: Menschen können Gott nahe sein im Gebet, im Gottesdienst, aber da steht zum anderen auch: auf dem Friedhof, angesichts des Todes und in Notsituationen. Manchmal ist Gottes Nähe und Stärke gerade dann besonders zu spüren, wenn wir Menschen schwach sind.

Gastfreundschaft – echt jetzt! Haus-Gottesdienst zum 7. Sonntag nach Trinitatis, 26.07.2020 Pfarrerin Beate Ellenberger, Rommelsbach

Generationen kommen zusammen

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So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern

Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Wochenspruch Epheser 2, 19

 

 

Musikalisches Intro zum Hausgottesdienst

Ankommen

Die Glocken läuten. Ich höre und schweige. Lausche und lasse ruhen, womit ich mich beschäftige. Ich bin hier. Gott ist hier. Das genügt.

Ich zünde eine Kerze an und spreche: Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Beten

Lieber Gott, danke, dass du mich diese Nacht behütet hast. Der neue Tag liegt vor mir. Diese Zeit ist mein. Im Stillen Gebet lege ich Dir an Dein Herz, was mir jetzt gerade besonders am Herzen liegt. (Stille)

Komm, Heil‘ger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft. Amen.

 

EG 320 Nun lasst uns Gott dem Herren Dank sagen 

 

Predigttext lesen Hebräer13,1-3  -

welche eigenen Gedanken kommen mir in den Sinn?

 

Wenn man in fremden Gefilden unterwegs ist, braucht man einen Plan. Und man braucht manchmal einen Menschen, der mit einem redet. Mitte der neunziger Jahre habe ich ein Jahr lang in Schottland gelebt. In Edinburgh suchte ich den Weg und stand über meinen Stadtplan gebeugt, als mich eine freundliche Stimme ansprach: „Are ya lost somehow, dear hen? May I help ya?“ Die Frau erklärte mir geduldig, wo ich lang musste. Es tat mir richtig gut, dass mich jemand angesprochen hat. Das war mehr als freundlich: „Hen“ meint in vielen Ländern „Henne“, aber Schottinnen benutzen das Wort, wenn sie eine andere Frau vertraulich ansprechen.

 

Wer sich an Urlaube in anderen Ländern erinnern kann, ahnt, wie es ist, sich fremd zu fühlen. Das kann durchaus anstrengend sein, irgendwo fremd zu sein und die Sprache nicht zu können. Fremd kann man sich fühlen, wenn man als Tänzer in einer Klasse voller Fußballer ist. Oder als Frau in einem typischen Männerberuf. Das Gefühl von Fremdheit nachvollziehen, das kann jemand, der erstmalig zu einer bestehenden Gruppe hinzustößt. Es macht einen Unterschied, ob einem jemand unaufdringlich und freundlich zeigt, dass man willkommen ist – oder ob niemand bereit ist in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Wenn die anderen nur mit denen, die ihnen vertraut sind, zusammenstehen. Wenn Familien unter sich bleiben und Alleinstehende und Zugezogene schwer Anschluss finden.

Im Hebräerbrief werden Fragen behandelt wie Christinnen und Christen leben sollen. Mit dem Glauben im Stillen ist es ja nicht getan, sondern es geht auch um die Ethik und das Verhalten. Die Liebe oder Zuneigung zu den Vertrauten soll bleiben. Aber vergesst nicht die Liebe und Zuwendung den Fremden.

 

Geschwisterliebe (griechisch: Phil-adelphia) und Fremdenliebe (griechisch: Philo-xenia) gehören zusammen und schließen einander nicht aus. Es wird einem nichts weggenommen, nur weil ein anderer etwas bekommt, was er braucht. Gottes Liebe gilt allen gleich. Christen sollen füreinander da sein. Und sie sollen sich nicht von anderen abwenden, die anders sind und anders denken. Im Gegenteil: Christinnen und Christen sollen einen Fremden und einen Gastfreund aufnehmen (griechisch: xenizo).

Ich war bei einer betagten Frau zu Besuch. Ihre Nichte war auch zu Gast. Diese regte sich furchtbar auf über die Flüchtlinge, die noch gar nicht da waren. Sie schimpfte über Taten, die noch gar nicht begangen waren. Von faulenzen, stehlen und schlimmerem war die Rede. Die Angst, etwas weggenommen zu bekommen, stand im Raume. Die ältere Dame, ihre Tante, wurde immer stiller. Irgendwann schien sie apathisch zum Fenster hinauszuschauen. Die Nichte wurde immer hektischer und musste irgendwann schnell nach Hause zum Kochen. Nachdem sie sich verabschiedet hatte, waren wir zu zweit im Raum. Es war ganz still.  Sie sah mir mit wachen Augen ins Gesicht und sagte: „Als wir damals aus Ostpreußen wegmussten, war das auch so. Uns haben sie auch nicht dahaben wollen und haben uns Flüchtlinge geschimpft. Und wissen Sie, damals habe ich geklaut. Ich habe den Bauern die Kartoffeln vom Feld weggestohlen. Aber was hätte ich machen sollen? Meine Kinder hätten sonst nichts zu essen gehabt. Ich habe keine Angst vor den Flüchtlingen. Ich weiß, wie das ist. Von mir aus sollen die ruhig kommen. Uns geht es doch allen mehr als gut. Und die wollen ja auch nur ihr Leben retten. Am Ende nimmt keiner was mit ins Grab. Ich mache ja auch bald Platz für andere.“

Die alte Dame hat aus ihrer eigenen Erfahrung ein Mitgefühl entwickelt. Im Hebräerbrief klingt das so: „Denkt an die Gefangenen, weil auch ihr Gefangen seid; denkt an die Misshandelten, weil auch ihr Misshandelte seid.“

 

Ende März schrieb mir eine Gefängnisseelsorgerin, dass es schwierig ist im Gefängnis nachzuvollziehen, „was da draußen gerade vor sich geht“. Also im Lockdown. “Das ist ja leider für inhaftierte Menschen schwierig, das ist ein bisschen so, wie als wir vor 2 Monaten im Fernsehen gesehen haben, dass in China ein Corona Virus ist. Wie sich das alltägliche Leben radikal verändert hat, erleben die Menschen hier nicht in gleicher Form. Bzw. haben sie all die Verluste, unter denen wir leiden, mit ihrer Inhaftierung schon durchlebt.“

Fremde willkommen zu heißen, das hat eine große Verheißung. Manche haben so Engel beherbergt. Ohne es zu wissen, haben sie Gottesboten bei sich aufgenommen.

Von Abraham und Sarah erzählt die Bibel. Sie hatten überraschend Besuch von drei Gestalten. Abraham bewirtete sie und Sarah sprang für Nachschub, bereitete alles zu. Sie lauschte am Zelt, was die vier miteinander sprachen. Sie hörte, wie eine Stimme sagte: Bis in einem Jahr werdet Ihr Eltern. Sarah musste lachen. Konnte die Nachricht und die Freude darüber kaum fassen. In ihrem Alter sollte sie noch einmal Mama werden! Die drei Fremden waren Engel gewesen und hatten den beiden Leben gebracht. Denn der kleine Isaak wurde geboren. Fremde bringen Leben ins Zelt. Bei Sarah und Abraham war es ein Kind.

Fremden Gastfreundschaft zu schenken, bringt lebendige Begegnungen. Wer in diesem Sommer nicht verreist, kann trotz Corona gastfreundlich sein – Fremden einfach freundlich begegnen wäre schon viel.

Jemand sagte mir letzte Woche: „Ich muss mir das erst wieder angewöhnen, mit anderen zusammen zu kommen. Obwohl ich zuvor echt gern und viel auf Achse war, fällt mir das im Moment nicht so leicht. - Aber es kommt wieder.“

 

EG 412 So jemand spricht: Ich liebe Gott

 

Fürbitten

Wir beten zu Dir Gott und bitten Dich für alle Menschen, die uns nahestehen und für die, mit denen wir es schwer haben. Für die, die uns fremd sind, bitten wir dich. Schenke uns Geduld. Schenke Entdeckerfreude und Abenteuerlust, wenn wir festgefahren und starr geworden sind. Wir bitten für die Lehrerinnen und Lehrer, für die Schulleitungen und für die Schüler*innen und Schüler. Sie alle haben die Ferien bitter nötig und empfangen nächste Woche ihr Zeugnis. Wir bitten dich für alle, deren Familien auseinanderbrechen oder zerstört werden. Wir können es nicht fassen, was geschieht. Für Überlebende bitten wir dich um Beistand und Unterstützung. Stehe denen bei, die anderen beistehen. Wir legen Dir die Sterbenden und Trauernden aus unseren Gemeinden ans Herz. Schick uns Deine Engel. 

 

Vaterunser im Himmel….

 

Segen 

Hände wie Schale formen und sprechen: Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.

 

Musik

Deinetwegen, Monatslied Juli (Nordkirche, mit Zelt und Strand) / Stille

 

Kerze auspusten

 

Saat und Ernte (Vikar Luca Bähne, Sondelfingen)

Bild: Luca Bähne

Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht.
Markus 4,26-28

 

Was haben wir im Leben nicht schon alles gesät! Tomaten und Gurken, blühende Wiesen und Brunnenkresse, Liebe und Verständnis, Streit und Zorn. Die Vögel unter dem Himmel säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch, sagt die Bibel (Mt 6,26). Wir Menschen haben dagegen gelernt: Was wir ernten wollen, müssen wir auch säen. Und ein altes Sprichwort setzt noch einen drauf: Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Jesus vergleicht das Reich Gottes mit einem Menschen, der Samen aufs Land wirft. Dass aus einem winzigen Senfkorn oder einem Tomatenkern einmal eine stattliche Pflanze oder gar ein Baum wird, ist für den erfahrenen Botaniker nichts Neues. Zu oft hat er schon den Wechsel der Jahreszeiten erlebt, zu oft folgte auf den Winter schon der Frühling und auf den Frühling die Ernte, sodass das Staunen hintan stehen musste.

Dennoch bleibt es ein Wunder (vgl. Hiob 9,10). Ein unscheinbarer Anstoß, eine Zeit des Wartens und des Hoffens – und dann unvergleichliche Fülle.

Ich glaube, wir können uns als Christinnen und Christen nicht oft genug ins Gedächtnis rufen, dass es sich mit Gottes neuer Welt ganz genau so verhält. Der Same ist unscheinbar. Ob er überhaupt überlebt hat oder schon vertrocknet ist? Ob die Liebe Gottes, die man als Kind erfahren hat, die Zeit überdauert hat? Ob das Bibelwort, das einen in einer Lebenskrise angesprochen hat, immer noch lebendig ist? Ob das Gefühl christlicher Gemeinschaft, das man mal erlebt hat, immer noch im Inneren schlummert?

Der Same ist unscheinbar. Und lange, für ein Menschenleben wahrscheinlich viel zu lange, schlummert er unter der Erde – Gott weiß, ob er noch lebt.

Das Wachstum beginnt zaghaft – manchmal ist man geneigt zu sagen: armselig. Doch das Reich Gottes beginnt nicht umsonst mit dem Glauben – dem Vertrauen, dass doch etwas daraus wachsen wird. Dass die Botschaft von Jesus Christus, dem Gott, der sich nicht zu schade war, sich mit Haut und Haar auf uns Menschen einzulassen, Früchte tragen wird.

Wenn Sie Innehalten, still werden und in sich hineinspüren – vielleicht ertasten Sie ja einen Samen der Liebe Gottes, der irgendwann in Ihr Leben gelegt wurde.

Gott weiß, was daraus noch Großartiges erwachsen wird.

Haus-Gottesdeinst zum 19. Juli 2020 (Pfarrer Jörg Schweizer, Degerschlacht)

Kerze anzünden – Persönliches Innehalten

Eingangsgebet

Noch bevor wir dich suchen, Gott,

warst du bei uns.

Wenn wir dich als Vater anrufen,

hast du uns längst schon wie eine Mutter geliebt.

Wenn wir „Herr“ zu dir sagen,

gibst du dich als Bruder zu erkennen.

Wenn wir deine Brüderlichkeit preisen,

kommst du uns schwesterlich entgegen.

Immer bist du es,

er uns zuerst geliebt hat.

Darum sind wir jetzt hier,

nicht weil wir besonders gut und fromm wären,

sondern weil du Gott bist,

und weil es gut ist, Dir nahe zu sein.

Amen

 

Wochenspruch: "So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jesaja 43, 1)

 Lied: 165,1.2.8 Gott ist gegenwärtig

Predigt

Predigttext 5. Mose 7, 6 – 12

Überall werden jetzt wieder Unterschiede betont. Überall wird auf das angeblich Eigene gepocht, auf die eigene Stärke, Macht, Hochkultur. Das Vaterland soll zurückerobert werden. Oder eben auch, in Übersee: Amerika zuerst.

Da scheinen dann plötzlich wieder einige Menschen besser als andere zu sein.

 

Aber ist nicht die Religion sogar an solchen Entwicklungen beteiligt?

 

Auch die Christenheit hat sich ja immer wieder erwählt genug gefühlt, um sich über andere zu erheben, auch gewaltsam zu erheben. Denken wir nur an Kreuzzüge und Inquisition.

 Du bist ein heiliges Volk dem Herrn… dich hat Gott erwählt“ (V. 6).

So heißt es hier.

 

In der Bibel ist das Volk Israel etwas ganz Besonderes. Ist erwählt. Übrigens im Neuen Testament genauso wie im Alten Testament. Ist solche Sprache in der Bibel nicht mit Schuld daran, dass sich immer wieder Menschen über andere erheben?

 

Der Begriff der Erwählung ist offenbar schwierig. Wie soll man denn davon reden, dass eine Gruppe von Menschen „erwählt“ ist, ohne die anderen Menschen herabzusetzen?

 

 

III.

Vielleicht sollten wir uns die Sache mit der Erwählung noch einmal genauer anschauen. Was ist denn damit in der Bibel gemeint, wenn es heißt: da ist jemand „erwählt“?

 

Bedeutet das: Gott ist auf der Seite der Macht?

Bedeutet das: Man wird von Gott rundum versorgt und kann sorglos durchs Leben gehen?

Bedeutet das: Für andere bleibt nichts übrig?

 

Ich glaube, Erwählung muss man aus der Bibel heraus ganz anders verstehen. Drei Punkte sind mir wichtig:

 

1. Wenn Gott erwählt, dann stellt er sich damit auf die Seite der Geringen

„Nicht hat euch der Herr erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern.“

Gott stellt sich auf die Seite der Geringen, der Bedrohten.

 

Ich stelle mir das so vor wie bei einem Schüler, der in einer Klasse sehr an den Rand gedrängt ist. Vielleicht ist er auch manches Mal ein sogenannter schwieriger Schüler. Und trotzdem wählt die Lehrerin ihn aus, für eine besondere Aufgabe, zum Beispiel beim Klassenfest. Gerade dadurch will sie ihn wieder integrieren und ihm zeigen, dass er genauso wie die anderen anerkannt ist.

 

Gott ist bei denen, die am Rande stehen. Auf die Seite Jakobs stellt er sich, der von seinem Bruder Esau verfolgt wird. Auf die Seite Josefs, der von seinen Brüdern verraten und verkauft wird. Auf die Seite des Volkes Israel, das der Sklaverei entronnen ist.

 

Um militärische Macht geht es hier nie, auch nicht um irgendeine biologische Eigenart der Erwählten. Denn biologisch sind wir alle verwandt. Das sagt uns die Bibel. Die Schöpfungs-geschichte erzählt die Menschheitsgeschichte als Familiengeschichte: Mit Adam und Eva beginnt alles, über Kain und Abel, Noah und seine Familie usw. geht es weiter. Alle Menschen sind miteinander verschwistert und verschwägert. Da stimmen Bibel und Gentests miteinander überein.

 

2. Wenn Gott erwählt, dann geht es um eine Aufgabe

Wenn es in der Bibel um Erwählung geht, dann wird man sicher nicht zu einem Leben in Saus und Braus erwählt. Ganz und gar nicht. Es geht hier wirklich nicht darum, sich über andere zu erheben. Sondern es geht darum, eine Aufgabe zu erfüllen.

 

Ich stelle mir das so vor wie eine Wahl im demokratischen Staat: Da wählen wir eine Frau oder einen Mann in ein Amt, damit er politische Arbeit und Führung übernimmt – nicht aber, damit er oder sie sich wie Kaiser oder Kaiserin aufführt. Dann werden die Wähler schnell böse.

 

Eine Aufgabe zu erfüllen: Dafür werden die Propheten des Alten Testaments erwählt. Dazu wird auch das Volk Israel erwählt, um inmitten dieser Welt nicht mehr nach dem Recht des Stärkeren zu leben, sondern nach dem Recht Gottes, nach der Tora, dem Gesetz, den fünf Büchern Mose.

 

Und was steht da, in diesem Gesetz? Die Zehn Gebote zum Beispiel. Oder auch dies hier: „Es soll ein Recht unter euch sein, der Fremde soll wie der Einheimische gelten; denn ich bin der Herr euer Gott“ (3. Mose 23, 22).

 

Gottes Wille soll gelten, nicht der Wille eines Volkes. Das ist nun wirklich das Gegenteil von jedem politischen Populismus.

 

3. Wenn Gott erwählt, dann geht es um Liebe

Der Herr hat euch erwählt, weil er euch geliebt hat. So steht es im Predigttext. Wenn ich jemanden liebe, dann erwähle ich ihn, dann hänge ich an ihm. Gott hängt sich an das jüdische Volk, geht mit ihm, bleibt bei ihm, unverbrüchlich. Durch Gutes und Schlimmes hindurch.

 

So wird es auch hier gemeint sein: Das jüdische Volk ist erwählt, so sagt es die Bibel. Es ist geliebt von Gott. Daran halte auch ich fest, das glaube ich. Das Verhalten von uns Christinnen und Christen lässt da doch manchmal wenig hoffen. Verlassen will ich mich lieber auf Gottes Treue zu seinen Verheißungen.

 

IV.

Liebe Gemeinde, an diesem Sonntag im Kirchenjahr geht es um die Taufe.

 

Die drei Merkmale der Erwählung, die können wir auch in der Taufe wiedererkennen:

 

Gott ist an der Seite der Geringen. Er nimmt Partei für die schutzbedürftigen Kinder. „Lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes“ – so hat Jesus es gesagt.

 

Gott gibt eine Aufgabe. Er mutet den Kindern den Lebensweg zu, den wir für sie erst noch erahnen und mit unserer Für-sorge als Eltern und Paten auch erst noch freimachen müssen: Dass die Kinder nämlich zu selbständigen, mutigen, freien Menschen heranwachsen, liebevoll und hoffentlich geleitet von Gottes Wort und seinen Geboten. Denn dazu hat Jesus seine Jünger auch aufgerufen: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt“ (Joh 15, 16).

 

Und: Gott liebt. Er ist treu. Wir hören es in den Bibelversen, die auch als Taufsprüche sehr beliebt sind: Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ (1 Joh 4, 10) Oder: „HERR, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen.“ (Psalm 36, 6)

 

Auf diese Liebeserklärung Gottes kann sich jedes Taufkind verlassen und auch wir können sie heute Morgen mitnehmen: Gott nimmt mich an, unabhängig von meiner Leistung, unabhängig davon, was andere über mich sagen. Es gilt, was er zu mir sagt: „Du bist mein geliebtes Kind!“ Amen

 

 

Lied nach der Predigt:200,1.2.5         Ich bin getauft auf deinen Namen

Fürbitten:

Gott, himmlischer Vater durch Jesus, deinen Sohn – in deinem Geist der Hoffnung beten wir:
Komm zu uns und hilf uns,
dass die Erinnerung an die Taufe
uns stark macht.

Zu dir rufen wir: Herr, erbarme dich …

Dich bitten wir für die Menschen,
die am Rande stehen,
die manchmal auch
unter die Räder kommen.

Zu dir rufen wir: Herr, erbarme dich …

Dich bitten wir für Menschen,
die in Beziehungen leben,
die gefährdet sind,
die nicht mehr wissen,
ob sie geliebt werden.

Zu dir rufen wir: Herr, erbarme dich …

Dich bitten wir für die Flüchtlinge
und für die, die ihnen helfen.
Steh ihnen bei.

Zu dir rufen wir: Herr, erbarme dich …

Dich bitten wir für die Menschen,
die um ihr Überleben kämpfen,
die oft nicht wissen,
wie es weitergeht.

Zu dir rufen wir: Herr, erbarme dich …

Dich bitten wir für die Menschen,
die Opfer werden
von Chaos und Gewalt.

Zu dir rufen wir: Herr, erbarme dich …

Dich bitten wir für Menschen,
die Einfluss und Macht haben.

Zu dir rufen wir: Herr, erbarme dich …

Dich bitten wir für uns,
dass wir immer wieder aufbrechen
zu neuen Ufern
in deinem Namen.

Zu dir rufen wir: Herr, erbarme dich …

Miteinander beten wir das Gebet unseres Herrn Jesus Christus:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Herr segne euch und behüte euch.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

 

 

Kerze auspusten – Stille

Viele Pläne - Andacht zur Tageslosung am 15.07.2020 von Pfarrer Thomas Soffner (Sondelfingen)

Arbeitsmittel am Arbeitsplatz

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In eines Mannes Herzen sind viele Pläne (… und im Herzen einer Frau vermutlich auch); aber zustande kommt der Ratschluss des HERRN (Sprüche 19,21).

Eine Erinnerung, dass wir das Leben nicht in den Griff bekommen. Wir haben Erwartungen, was passieren wird, frohe oder ängstliche Erwartungen, wir machen Pläne, wie wir die Zukunft bewältigen wollen – und es kann ganz anders kommen.

Das macht unser Planen nicht wertlos. Wir müssen vorsorgen, wir müssen immer wieder Entscheidungen treffen, die unser Leben auf lange Zeit bestimmen (einen Beruf wählen, heiraten, umziehen …). Menschliches Leben ist zu kompliziert, zu bedürftig und zu lang um nicht viele Pläne schmieden zu müssen, menschliches Leben muss geplant werden, wenn es mehr sein soll als von einem Moment auf den nächsten irgendwie dahin zu treiben. Aber letzten Endes ist es eben doch nicht planbar, manche Pläne gehen auf, andere scheitern mit dramatischen Folgen, manche erledigen sich still und leise von selbst. Es ist nicht leicht, die Unsicherheit auszuhalten.

Die Losung sagt mehr als: „Es kommt halt immer ganz anders.“ Wir planen allerlei, und es passiert, was Gott will. Das ist eine gute Nachricht. Es passiert nicht irgendwie, blind und zufällig, dass unsere Pläne aufgehen oder nicht; es liegt an Gott. Den verstehen wir ganz gewiss nicht immer, der kann unsere Erwartungen herb enttäusche; aber er will es gut mit uns machen. Unsere Pläne sind nicht immer schlau, sie können kurzsichtig und egoistisch sein, wir können uns sehr täuschen darüber, was uns auf Dauer guttut. Gott sieht weiter. Das heißt nicht, dass irgendwie schon jeder Schicksalsschlag und jede Enttäuschung auch etwas Gutes hat. Manche Dinge sind wohl einfach schlecht und bleiben schlecht, und Gott wird sie uns am Ende nicht erklären, sondern uns über sie trösten müssen. „Zustande komm der Ratschluss des HERRN“, das ist keine Lebensweisheit, das ist ein Glaubenssatz, Hoffnung und Versprechen.

Zur Losung aus dem Alten Testament gehört ja auch immer ein Lehrtext aus dem Neuen. Der lautet heute: So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet. Vor allen Dingen habt untereinander beharrliche Liebe. (1. Petrus 4,7-8) So kann man damit umgehen, dass wir planen und Gottes Wille geschieht. Nüchtern die Grenzen unseres Planens sehen: Wir können nicht so planen, dass unser Leben gelingen muss, und wenn unsere Pläne scheitern, ist nicht alles vorbei. Gott vortragen, was wir uns so denken und ihm überlassen, was dann geschieht. Und beharrlich liebevoll miteinander umgehen, einander beistehen, wenn Pläne scheitern und es schwierig wird.

Haus-Gottesdienst am Fünften Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 2020 (Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe, Oferdingen)

Kerze anzünden – Persönliches Innehalten

Eingangsgebet

Herr, unser Gott,

wir danken dir für diesen neuen Tag – behüte und begleite uns.

Wir wollen uns dir jetzt zuwenden – mach uns offen für dein Wort.

Amen.

 

Lied: EG 313,1-3        (Jesus, der zu den Fischern lief)

 

Predigt (Lk 5,1-11)

Liebe Leserinnen und Leser,

 

können wir eigentlich noch das Unerwartete erwarten?

 

Ich ertappe mich immer wieder selbst, dass ich bewusst oder unbewusst oftmals keinen Raum für das „Unerwartete“ zu lassen scheine:

Wie sehr wünsche ich mir manchmal, alles, was ich geplant und angedacht habe, genauso minutiös umsetzen zu können.

Und wie sehr ärgert mich es dann und setzt es mich unter Stress, wenn ich versuche, das Unkontrollierbare zu kontrollieren und keinen Raum für das Unerwartete lasse.

Dass das Unerwartete aber nicht immer negative Auswirkungen haben muss, nehme ich immer wieder an meinem Sohn wahr. Wie sehr zaubert ihm das Unerwartete immer wieder ein Leuchten in seine Augen und ein Lächeln in sein Gesicht: Eine Spieluhr mit einem Clown, der sich bewegt, wenn sie aufgezogen wird. Ein Wasserschlauch im Garten, der Wasser im Garten verteilt, wenn man den Wasserhahn aufdreht. Eine elektrische Zahnbürste, die sich dreht, wenn sie angeschaltet wird. Kleinkinder, so denke ich manchmal, besitzen eine angeborene Fähigkeit, Unvorhergesehenes einfach so zu akzeptieren.

 

Wir haben diese Fähigkeit jedoch, so meine ich, verloren, betrachten wir die Welt doch vielleicht oftmals etwas zu selbstverständlich und berechenbar.

 

Unser Predigttext möchte unsere Aufmerksamkeit heute unter anderem auf eben auf die Offenheit des »Unerwarteten« lenken. Im fünften Kapitel aus dem Lukasevangelium heißt es:

 

Lukas 5,1-11

 

Mit dieser Geschichte, liebe Gemeinde, nimmt uns Lukas unmittelbar mit hinein in den Beginn des öffentlichen Wirkens von Jesus. Galiläa ist das Gebiet, in dem Jesus umherzieht. Dort beginnt er öffentlich zu predigen, zu heilen, erregt einerseits Anstoß und zieht andererseits viele Menschen in seinen Bann.

 

So auch jetzt am „See Genezareth“ (Lk 5,1), wo sich die Menschen um Jesus scharen, um „das Wort Gottes“ (Lk 5,1) zu hören. Unter ihnen sind auch „Fischer“ (Lk 5,2) – von ihrer nächtlichen Ausfahrt sind sie erfolglos zurückgekehrt. Und doch bitte Jesus sie, noch einmal auf den See hinauszufahren, um von dort zu den Menschen zu predigen (vgl. Lk 5,3). Seine Worte lassen die Menschen am See Genezareth aufhorchen – doch Jesus bietet noch mehr.

 

Am Ende seiner Rede lässt er die Fischer weiter auf den See hinausfahren und zeigt ihnen eine Stelle, an der sie fischen sollen. Gegen alle Regeln und gegen jegliche Vernunft fischen sie am Tag – und machen gerade da den Fang ihres Lebens. Lukas schreibt: „Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“ (Lk 5,6f.)

 

Und die Fischer? Sie können dem Unerwarteten allein Raum geben. Doch was hält diese Begegnung mit dem Unerwarteten nun für sie bereit?

 

 

Das Unerwartete  – faszinierend und erschreckend zugleich

Petrus, so berichtet es Lukas, ist der erste, der im Ansatz begreifen kann, was hier geschieht: Das Unerwartete hat ihn fest im Griff – es ist faszinierend und erschreckend zugleich.

 

Faszinierend deshalb, denn für Petrus hat dieser Fang einen ganz besonderen Charakter: „Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen,“ so spricht er zu Jesus (Lk 5,5). Und dann erlebt er die Gegenwart Gottes in diesem besonderen Fischfang und in dem, was Jesus sagt und tut.

 

Das ist für Petrus faszinierend und doch erschreckend zugleich. Seine Reaktion darauf unterstreicht dies ganz deutlich. Er fällt Jesus vor die Füße und sagt: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.“ (Lk 5,8f.)

 

Was Petrus erlebt, ist die Erkenntnis, dass ihm etwas Größeres begegnet als er es selbst ist. Das ruft bei Petrus eine zweifache Reaktion hervor: Er ist fasziniert und ergriffen von der Wucht dieser Erfahrung. Gleichzeitig wirft es ihn zu Boden und es erfasst ihn ein Schrecken. Er spürt die Macht des Göttlichen, er erkennt sich selbst als Geschöpf, als Wesen abhängig von einer Macht, die unendlich viel größer ist als er selbst. Und Petrus weiß nicht, ob er der Begegnung mit dieser Macht standhalten kann.

 

 

Das Unerwartete – faszinierend und erschreckend zugleich…im Alltag

Petrus, so berichtet es Lukas, ist der erste, der im Ansatz begreifen kann, was hier geschieht: Das Unerwartete hat ihn fest im Griff – es ist faszinierend und erschreckend zugleich. Und es trifft ihn unmittelbar in seinem Alltag.

Das Staunen überkommt Petrus nämlich unmittelbar in seiner täglichen Arbeit – nämlich bei der Fischerei. Die Fischer arbeiten in der Regel, wie es unser Bibeltext auch sagt, „die ganze Nacht“ (Lk 5,5). Tagsüber sind sie mit dem Reinigen und Säubern ihre Netze beschäftigt (vgl. Lk 5,2) – Waschen, Ausbessern sowie das Trocknen nach dem Fang gehören unmittelbar dazu. Und gerade da, in der Ausübung seines alltäglichen Berufes, erlebt Petrus seinen unerwarteten Moment. Jesus tritt in das ganz normale Leben ein und knüpft bei den elementaren Lebensbedürfnissen des Petrus an – an seinem Beruf und seinen Überlebensmöglichkeiten. Er will den Menschen gerade dort nahe sein.

 

 

Das Unerwartete – faszinierend und erschreckend zugleich…im Alltag…und mit neuen Sichtweisen auf sein Leben

Petrus, so berichtet es Lukas, ist der erste, der im Ansatz begreifen kann, was hier geschieht: Das Unerwartete hat ihn fest im Griff – es ist faszinierend und erschreckend zugleich. Es trifft ihn unmittelbar in seinem Alltag und zieht neue Sichtweisen auf sein Leben nach sich.

 

Die Art und Weise, wie Petrus staunend ergriffen wird und Jesus begegnet, führt dazu, dass sich sein Leben von jetzt auf gleich radikal verändert. Lukas schreibt: „Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“ (Lk 5,10f.).

Das Unerwartete ist etwas, das die eigenen Gewiss- und Sicherheiten, die allzu selbstverständliche Orientierung und die eigenen Sichtweisen in unserem Leben hinterfragt. Und bei Petrus führt dieses Hinterfragen, dieser Blick über den Tellerrand seines bisherigen Denkens und Lebens zu einer Veränderung:

 

Petrus zieht mit Jesus und folgt ihm nach. Das Unerwartete, das er erlebt hat, will und soll er auch anderen zuteilwerden lassen und zugänglich machen.

 

 

Das Unerwartete – faszinierend und erschreckend zugleich…im Alltag…und mit neuen Sichtweisen auf sein Leben

Das Unerwartete – faszinierend und erschreckend zugleich…im Alltag…und mit neuen Sichtweisen auf sein Leben.

Diese Erfahrung macht Petrus, als er Jesus zum ersten Mal begegnet:

 

·        Er erlebt das Unerwartete – faszinierend und erschreckend zugleich: Er erkennt sich als abhängig von einer Macht, die viel größer ist als er selbst.

·        Er erlebt das Unerwartete – unmittelbar im eigenen Alltag: Am und auf dem See Genezareth, wo er als Fischer arbeitet.

·        Er erlebt das Unerwartete – mit Konsequenzen für das eigene Leben: Von nun an wird er Menschen für Jesus gewinnen suchen und ihnen von seiner eigenen Erfahrung des Unerwarteten erzählen.

 

 

Liebe Leserinnen und Leser, können wir eigentlich noch das Unerwartete erwarten?

 

Die Geschichte vom Fischfang des Petrus hat mich daran erinnert, dass wir mit solchen Momenten immer wieder dort rechnen sollen, wo wir hineingestellt sind – in unseren täglichen Aufgaben und in unserem täglichen Leben. Auch wir dürfen dem Unerwarteten Raum geben. Doch was kann diese Begegnung mit dem Unerwarteten für uns bereithalten?

 

Die Begegnung mit dem Unerwarteten kann etwas Entlastendes haben.

Dem Unerwarteten Raum zu geben, kann vielleicht helfen, den Erwartungen anderer und Selbsterwartungen etwas gelassener gegenüberzustehen. Das Wissen um die göttliche Macht und das Aufgehobensein in ihr kann uns davon frei machen, alle kontrollieren zu können oder gar zu müssen.

 

Die Begegnung mit dem Unerwarteten kann neue Sichtweisen auf unser Leben bieten.

Dem Unerwarteten Raum zu geben, kann vielleicht helfen, eine neue Perspektive auf das eigene Leben zu gewinnen. Zu was das Unerwartete letztlich gut war, können wir oftmals erst in der Rückschau richtig und sachgemäß beurteilen. Auch in Blick auf die letzten Monate und die momentan erlebte Zeit fragen wir uns womöglich, was sich dadurch in uns verändert hat. Für das Unerwartete offen zu bleiben, kann unser Leben oftmals eine neue Richtung geben. Vielleicht sind dies neue Impulse wie Zuversicht und Demut, aber auch Antriebskraft, manche Wege weiter zu gehen oder ganz neue Wege zu wagen.

Amen.

Lied: EG 302,1-3.5    (Du, meine Seele, singe)

Fürbittengebet

Jesus Christus, du Barmherziger, du Freund und Bruder.

 

Du hast deine Jünger das Unerwartete erwarten lassen.

Darauf haben Sie sich mit dir auf den Weg hin zu Menschen gemacht.

 

Wir bitten dich

um Heilung für die Kranken,

um Hoffnung für die Verzweifelten,

um Geduld für alle, die pflegen und helfen.

 

Wir bitten dich

um Trost für die Trauernden,

um Fürsorge für die, die vergessen werden,

um Treue zu denen, die verloren gehen.

Wir sind deine Jüngerinnen und Jünger,

dir vertrauen wir uns an.

 

Du hast deine Jünger das Unerwartete erwarten lassen.

Darauf haben Sie sich mit dir auf den Weg hin zu Menschen gemacht.

Wir bitten dich

 

um Klarheit, wo Verwirrung herrscht,

um Güte, wo sich Verachtung ausbreitet,

um Liebe, wo Hass gepredigt wird.

Wir bitten dich

um Brot für die Hungernden,

um Rettung für die Ertrinkenden,

um Demut für die Herrschenden.

Wir sind deine Jüngerinnen und Jünger,

dir vertrauen wir uns an.

 

Du bist bei uns,

du lässt gelingen,

was wir in deinem Namen tun.

Dich, den Sohn des lebendigen Gottes,

beten wir an und rufen:

Erbarme dich.

Amen.

 

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Der Herr segne euch und behüte euch.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

 

 

Kerze auspusten – Stille

Jesus war kein weißer Mann von Pfarrerin Inga Kaltschnee (Sickenhausen)

Eine Freundin von mir war im Frühjahr in Brasilien. Als kleines Geschenk hat sie mir ein Bild von Jesus am Brunnen mitgebracht. Jesus begegnet in der Geschichte aus dem Johannesevangelium einer Frau am Brunnen (nachzulesen in Joh 4). Interessant an dem Bild ist, dass Jesus so ganz anders aussieht als in meinen Kinderbibeln. Bei uns ist das Bild eines weißen, manchmal sogar blond-haarigen, Jesus weit verbreitet. Eigentlich sollte es egal sein, welche Hautfarbe Jesus hat. Allerdings war Jesus nicht weiß und schon gar nicht blond.

In den unterschiedlichen Teilen der Erde wird auch Jesus unterschiedlich dargestellt. In einer asiatischen Darstellung sieht er ganz anders aus als in der brasilianischen oder eben in europäischen Darstellungen. Allerdings hat das Bild eines weißen Jesus stark die Oberhand, sodass die Menschen immer wieder vergessen haben, dass Jesus natürlich nicht weiß war. Daran kann mich das Bild meiner Freundin daran erinnern. Denn was die unterschiedlichen Darstellungen sagen wollen ist: Jesus ist einer von uns. Und das stimmt ja auch, denn Jesus sagt, dass er uns in einem unserer geringsten Brüder oder Schwestern begegnet. Jesus selbst begegnete den Menschen mit uneingeschränkter Zuwendung. So auch in der Geschichte mit der Frau am Brunnen. Jesus begegnet hier einer Samaritanerin, also einer Frau aus einer Gruppe, mit der die Jüdinnen und Juden eigentlich nichts zu tun hatten. Doch Jesus schaut nicht nach Geschlecht oder Volkszugehörigkeit, für ihn ist jeder Mensch wichtig und gleichwertig. Das nimmt auch Paulus später auf, wenn er sagt: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Gal 3,28)

Ich merke oft, dass ich als junge Frau anders behandelt oder unterschätzt werde. So geht es auch Menschen, die nicht weiß sind oder Menschen, die mit einer Behinderung leben. Dagegen stellt sich Jesus. Er fordert uns heraus, unsere Vorurteile zu überdenken, weil für ihn jeder Mensch gleich wertvoll ist. Mir tut es gut, mich immer wieder daran zu erinnern. Denn vor Jesus und vor Gott zählt es nicht, wie ich aussehe, ob ich alt oder jung bin, ob ich eine Behinderung habe oder nicht. Gott stellt keine Menschen aufs Abstellgleis. Wie mit der Frau am Brunnen will Gott mit uns ins Gespräch kommen und uns von unseren Lasten befreien. Jesus bittet die Frau in Joh 4 ihm zu trinken zu geben und sagt schließlich zu ihr: „Wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“

Das Bild hängt jetzt übrigens über meinem Schreibtisch und als das zweijährige Kind eines Freundes von mir es gesehen hat, hat es drauf gezeigt und sofort Jesus gesagt. Diesen unvoreingenommenen Blick wünsche ich mir und Ihnen.

Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerin Inga Kaltschnee


Überwinde das Böse mit Gutem

Düngepotential von Brennesseln, Foto: Beate Ellenberger

Haus-Gottesdienst am 3. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 2020

Pfarrerin Beate Ellenberger, Rommelsbach

 

 

Ankommen

Die Glocken läuten. Ich höre und schweige. Lausche und lasse ruhen, womit ich mich beschäftige. Ich bin hier. Gott ist hier. Das genügt. Ich zünde eine Kerze an und spreche:

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Wochenspruch: Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Galater 6, 2 [Ein besonderer Gruß nach Rappertshofen! - Bewohner*innen aus erzählen, dass dieser Satz im Eingangsbereich zu lesen war. Gibt es noch Fotos davon?]

 

Beten: Psalm 42 EG 723 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. […] Was betrübst du dich meine Seele, und bis so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Gott, bist du da? Bist du bei mir, wenn ich ängstlich werde? Wenn mir dies und das aussichtslos erscheint? Lass mich deine Gegenwart spüren. Schenke mir die Geborgenheit, die ich brauche, damit ich wieder weitermachen kann. Zeige mir, wo jemand meine Zuwendung braucht. Lass mich nicht allein. Ich bringe dir im Gebet, was ich auf dem Herzen habe. Was mich schmerzt, was mich freut. Und an wen ich jetzt gerade besonders denke…. Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet. Amen

 

Singen EG 503 Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.

 

Lesen Predigttext: Römer 12, 17-19

 

Besinnen Gibt es einen Satz, der mich besonders anspricht? Welche Gedanken steigen in mir auf? Denke ich an jemand? Was möchte ich gerne loswerden? Ich atme tief durch. Schließe die Augen und spüre meine Mitte. Öffne mich für neue Wege. Geh mit, Gott. …

Große Worte sind das von Paulus. Große Ideen auch. Große Verhaltensregeln. Für enge Situationen, Momente und Zeiten. Für starke Gefühle. Für heiße Konflikte, glühenden Durst und für Heißhunger. Große Worte für große Phänomene im Leben: Das Böse und das Gute. Und für die große Sehnsucht nach Frieden.

Es ist ein Dienst an Gott, wenn Menschen so miteinander umgehen wie hier beschrieben. Die Feindesliebe ist Gottes Gebot, aber sie auch schon zu Zeiten des Paulus nicht an der Tagesordnung. Was Paulus hier rät, wirkt für viele wie eine Niederlage. Man fürchtet „Gesichtsverlust“ und übt Gegenwehr mit ähnlichen Mitteln wie der Gegner. Doch der Kampf hört dadurch noch lange nicht auf. Dagegen wird uns eine Haltung ans Herz gelegt, um des Friedens willen auf Rache zu verzichten. Paulus ist realistisch: „so weit es auf euch ankommt“, schreibt er. Ihr habt nicht alles in der Hand. Es ist ein Dienst an anderen, der sich speist auch Gottes Dienst an uns. Gott selbst ist der Frieden und wirkt an uns. Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum - wir können Schritte des Friedens gehen und Gott das Feld überlassen. Das ermöglicht, die eigenen Rachegelüste zurückzustellen.  Sich auf Gottes Rache zu verlassen, ist eine besondere Form der Feindesliebe. Eigenes Rechten und Richten verwandelt sich in Vertrauen in Gottes Dienst an unserer Seele. Gottes Rache in biblischem Sinn ist kein blinder Zorn. Wenn Gott Rache übt, dann zerstört nicht, sondern stellt den Frieden wieder her. Antworte auf Gottes Dienst an euch mit eurem Gottesdienst im ganzen Leben. Amen.

 

Singen EG 412 1 So jemand spricht: „Ich liebe Gott“, und hasst doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reißt sie ganz darnieder. Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich. 7 Was ich den Armen hier getan, dem Kleinsten auch von diesen, das sieht er, mein Erlöser an, als hätt ich’s ihm erwiesen. Und ich, ich sollt ein Mensch noch sein und Gott in Brüdern nicht erfreun?

 

Fürbitten

Jesus Christus, du bist unser Friede. Erfülle diese Welt mit deinem Frieden: Frieden in unserer Nachbarschaft, Frieden an den Grenzen Europas, Frieden in Syrien und Mali.

Breite deinen Frieden aus. Jesus Christus, du schenkst die Kraft zur Versöhnung. Versöhnung für die, die einander hassen und aneinander schuldig wurden. Versöhne uns. Jesus Christus, du bist die Liebe. Lass die Liebe wachsen: Liebe in den Häusern, Familien und unter Freunden. Liebe zu den Kranken und Trauernden. Liebe zu den Gedemütigten und Einsamen. Liebe zu deiner Schöpfung. Wachse mit deiner Lieb in uns und in dieser Welt. Gehe mit uns in diesem Sommer, in dieser Zeit.

Alles, was uns sonst noch am Herzen liegt, legen wir Dir ans Herz, wenn wir mit Jesu Worten beten: Vaterunser ….

 

Segen

Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.

Gott ist ein Upcycler (Vikar Luca Bähne, Sondelfingen)

Bild: Luca Bähne

Der Kreislauf des Lebens ist ein wichtiges Grundprinzip in unserem Alltag. Ich denke dabei nicht an den "Circle of life", den Elton John in "König der Löwen" eindrucksvoll besingt; auch nicht an die Jenseitsvorstellungen fernöstlicher Religionen - nein.

Ich denke einfach ans Recycling. PET-Flasche rein, Parkbank raus. Oder wenn's gut läuft, gibt's auch mal Granulat, aus dem neue PET-Flaschen hergestellt werden.

Das Recycling hat nur ein Problem: Meistens bekommt man etwas weniger Wertvolles heraus als das, was man hineingesteckt hat. Nach einigen Runden ist ein Rohstoff auch mal so verunreinigt, dass sich eine Aufbereitung nicht mehr lohnt.

 

Ganz anders läuft es beim Up-Cycling. Erst einmal die Missverständnisse ausräumen: Es handelt sich hierbei weder um das Verschrotten von Kleinwagen der Marke VW noch um das Erklimmen steiler Bergstraßen mit dem Rennrad.

Vielleicht sind Sie auch schon einmal an einem Up-Cycler vorbeigekommen. Es ist oft ein unscheinbarer, versteckter kleiner Laden, den ein junger Bastler eröffnet hat, der sich selbständig gemacht hat. Im Schaufenster sieht man allerlei kunstvoll gearbeitete Lampen, Garderobenhaken oder Uhren, die sich beim genaueren Hinsehen als miteinander verschweißte alte Nägel, Stahlbleche, Schallplatten, Scherben oder Telefonhörer erweisen. Ein bisschen wie die lustigen Dinge, die Peter Lustig in seinem Bauwagen kreierte. Eigentlich sind es Dinge, die man wegwirft. Doch die talentierten Handwerker machen wahre Kunstobjekte daraus, die zuweilen der ganze Stolz von trendigen Szene-Cafés werden.

 

Ich bin davon überzeugt: Gott ist ein Upcycler.

 

Der HERR hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.

(1. Samuel 2,8)

 

Es ist schon immer so, aber die Corona-Krise führt es mal wieder vor Augen: Wir sind dürftig. Immer mehr sind auch arm - wirtschaftlich oder sozial.

Es ist schon immer so, aber in diesen Tagen geschieht es auch wieder im näheren Umfeld: Einiges liegt in Trümmern; so manches, was wir erreicht haben, zerfressen die Motten und das ein oder andere, was uns lieb und teuer war, setzt Rost an.

 

Gott ist ein Upcycler. Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub. Er wirft uns nicht fort. Was ich nur halbwegs erreicht habe, bewahrt er auf. Die Beziehungen, die schon unter einer Staubschicht begraben sind, vergisst er nicht. Wer alles verloren hat, den lässt er den Thron der Ehre erben. Was ich aus Zorn oder Dummheit zerstört habe, das trägt er liebevoll mit sich.

 

Um aus den Trümmern unserer Welt etwas viel schöneres zu bauen, als wir uns je hätten träumen lassen. Nichts war vergebens.

 

You make beautiful things out of dust.

 

 

Haus-Gottesdienst zum 3. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest, 28.6. 2020, Pfarrer Jörg Schweizer, Degerschlacht

Kerze anzünden – Innehalten

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

 

Begrüßung, Wochenspruch

"Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist."  (Lukas 19, 10)

Psalm 100

Danket dem Herrn, lobet seinen Namen

Jauchzet dem Herrn, alle Welt!

Dienet dem Herrn mit Freuden,

kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken!

Erkennet, dass der Herr Gott ist!

Er hat uns gemacht und nicht wir selbst

zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.

Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben;

danket ihm, lobet seinen Namen!

Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig

und seine Wahrheit für und für.

 

Gebet

"Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen in der Glut, ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht.
Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft."  Jochen Klepper


 

Lied: Lobet den Herren alle, die ihn ehren

1) Lobet den Herren alle, die ihn ehren;
lasst uns mit Freuden seinem Namen singen
und Preis und Dank zu seinem Altar bringen.
Lobet den Herren!

2) Der unser Leben, das er uns gegeben,
in dieser Nacht so väterlich bedecket
und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket:
Lobet den Herren!

3) Dass unsre Sinnen wir noch brauchen können
und Händ und Füße, Zung und Lippen regen,
das haben wir zu danken seinem Segen.
Lobet den Herren!

7) Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite
auf unsern Wegen unverhindert gehen
und überall in deiner Gnade stehen.
Lobet den Herren!

 

Predigttext Predigttext Micha 7, 18 – 20

Die Hoffnung der Gemeinde auf Gottes Gnade

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

 

Predigt

So, liebe Gemeinde geht das Buch des Propheten Micha zu Ende. Mit einem wunderbaren Lobgesang auf Gott. Erstaunlich.

 

I. Das Ganze vom Ende her sehen

Manchmal, wenn ich ein Buch geschenkt bekommen habe und mit Freude anfange, es zu lesen, dann kann es mir passiere, dass ich nach 5 Seiten merke: es ist doch nicht so spannend, wie ich gehofft habe. Eigentlich möchte ich es jetzt nicht weiterlesen. Ich klappe es zu und schaue nur noch geschwind, wie es denn ausgeht. Ich schlage die letzten beiden Seiten auf, lese und staune: Hoppla, das ist ja überraschend. Spannend ist das. Wie kommt denn das zustande? Und schon bin ich wieder drin im Lesen und will unbedingt herausfinden, wie das Buch zu diesem Schluss kommt.

 

Wir haben mit unserem Predigttext sozusagen ganz nach hinten im Micha-Buch durchgeblättert und schon mal reingeschaut, wie ausgeht. Nach allem, was wir von dem Propheten Micha und seine Zeit wissen, kann es gar nicht gut ausgehen.

 

Er hat den Mächtigen und Großen und Reichen gehörig die Leviten gelesen. Und das war nötig. Denn sie hatten sich erdreistet, den einfachen Leuten ihre Häuser wegzunehmen und die Bewohner zu verjagen. Sie haben die anständigen Leute ausgesaugt bis auf die Knochen und den Kindern auch ihren Schmuck und ihre Spielsachen weggenommen. Die Kaufleute und Händler benutzten falsche Maße und gefälschte Gewichte und betrogen die Leute nach Strich und Faden. Die Richter fällten ihre Urteile gegen Schmiergeld. Sie waren durch und durch korrupt. Und genauso die Propheten. Sie redeten dem gut zu, der ihnen was in die Tasche steckte. Und  alle zusammen setzten dem noch die Krone drauf und sagten: Was kann uns schon passieren. Gott ist ja mit uns.

 

Micha hat im Auftrag Gottes ein schlimmes Strafgericht angedroht. Eure Stadt wird ein Trümmerhaufen werden, das Land zur Wüste und die Bewohner werden in die Fremde verschleppt werden.

Es kam so. Und das Heulen war laut und lang. So viele Menschen waren in der Katastrophe nicht davongekommen. Ein großer Klagegesang müsste eigentlich am Ende stehen: Herr, du hast uns bestraft für alles, was wir angerichtet haben. Wir sind am Ende. Die Trümmer sind zu groß für uns. Wir kommen nicht mehr weiter. Wir sind so wenige. Wir sind ja nur der klägliche Rest. Es ist alles trostlos.

 

II. Die Not der Übriggebliebenen

Dieser klägliche Rest, das sind die Übriggebliebenen, das sind die, die davongekommen sind. Es sind nicht die Auserwählten. Es sind nicht nur die Guten. Keiner kann sagen: Ich habe es verdient, davonzukommen.

 

Immer wieder hört man davon, dass Menschen, die ein großes Unglück unerwarteter Weise überlebt haben, sich hinterher fragen: Warum ich? Warum bin gerade ich davongekommen und so viele andere nicht? Sie bekommen Schuldgefühle, obwohl das bei Lichte betrachtet gar keinen Grund hat. Aber manche dieser Menschen tragen schwer daran. Sie erkennen nämlich, dass sie selbst es nicht mehr verdient haben, zu überleben, als die anderen. Sie sind nicht besser, sie sind nicht schlechter. Warum also gerade ich? Manche treibt das in Verzweiflung.

 

Auch jener klägliche Rest, der lange nach der Katastrophe nach Jerusalem zurückkehren konnten, wird sich mit solchen Fragen rumgeschlagen haben. Vielen war zum Klagen zumute.

 

III. Nach der Katastrophe zuerst Gott loben?

Stattdessen aber stimmen sie am Schluss diesen überwältigenden Lobgesang an: „Wo ist ein Gott wie du es bist!“

 

Wie kann das zugehen? Lassen Sie mich etwas erzählen. Ein ganzes Menschenalter war vergangen seit der Katastrophe. Die meisten, die sie verursacht haben, waren bereits verstorben in der Fremde. Und viele, die nichts dafür konnten, die nur Opfer des Unrechts waren, auch. 1000 Kilometer von der Heimat entfernt. Auch der Prophet Micha war lange tot. Aber seine Worte waren noch da. Manche von den Rückkehrern hatten sie im Reisegepäck. Ein schmales Bündel von Blättern. Sie beschlossen, dieses Büchlein jetzt neu herauszugeben. Oder vielmehr das erste Mal. Denn früher durfte es gar nicht verbreitet werden. Es war nur im Untergrund zugänglich für Eingeweihte. Etwa so wie die graue Literatur der DDR-Friedensbewegung, die nur von Hand zu Hand weitergegeben wurde, oder wie die Flugblätter der Weißen Rose, der Geschwister Scholl. Sie wollten es aber jetzt zum ersten Mal allen zugänglich machen. Jeder sollte wissen, wie es zur Katastrophe gekommen war, und auch, dass da eine Stimme war, die gewarnt hatte und das Unglück vorhergesagt hatte. Bevor sie es aber verbreiteten, schrieben sie noch ein Nachwort. Sie schrieben diesen Lobgesang des unvergleichlichen Gottes auf die letzte Seite. Unser Predigttext. Sie meinten, jetzt angesichts der Trümmer sei die richtige Zeit, erst einmal einen Lobgesang anzustimmen.

 

Ich lese ihn noch einmal in einer Übersetzung, die näher an dem ursprünglichen Wortlaut ist.

 

„Wer ist ein Gott wie du, der Vergehen wegträgt,

an Aufsässigkeit vorübergeht

beim Rest seines Eigentums!

Nicht hält er seinen Zorn für immer fest,

denn er ist einer, der Güte liebt.

Er wird sich unser nochmals erbarmen,

er wird unsere Vergehen zertreten.

Du versenkst in die Tiefen des Meeres

alle unsere Verfehlungen.

Du wirst Jakob die Treue schenken

und Abraham die Güte,

die du unseren Vätern geschworen hast

seit den Tagen der Vorzeit.“ (1)

 

IV. Das meiste Leid ist Menschenwerk

Gott liebt die Güte und er hält die Treue. Und er setzt seine ganze Kraft ein, um die Verfehlungen fortzutragen, auf seinen Schultern. Mit kräftigen Schritten tritt er das ganze Dornengestrüpp, das aus dem falschen Leben gewuchert ist, zu Boden. Und zuletzt wirft er alles Schändliche, alle Falschheit und allen Betrug ins Meer – auf Nimmerwiedersehen. So tut Gott. Er ist einzigartig, darum: Wo ist ein Gott wie du?

 

Da ist kein Laut von Strafen drin, auch keine Bitte um Verschonung. Einfach nur Lob des guten, des unvergleichlichen Gottes.

Das war mutig, nach allem, was geschehen war, Gott so zu besingen. Er ist nur gut. Er straft nicht. Er zerstört nicht. Und auch wenn nur noch ein Rest seines Volkes übrig ist, so bewahrt er ihn.

Es war mutig, jetzt nicht die Klage über Gottes Strafen und die Bitten um Vergebung anzustimmen.

 

Sie hatten sich ein Herz gefasst und aufgehört, das ganze Elend, das hinter ihnen lag und die Mühsal, die noch vor ihnen lag, Gott in die Schuhe zu schieben. Aber wenn die Katastrophen nicht Strafen Gottes waren, was waren sie dann?

 

Nun, alles, was an Unrecht und grenzenlosem Leid zwischen Menschen, zwischen Völkern und innerhalb der Völker sich ereignet, ist Menschenwerk.

 

·         Dass den Menschen in Syrien ihre Häuser zerbombt werden und die Bewohner vertrieben werden oder getötet, es ist Menschenwerk.

·         Dass kleinen Bauern in Südamerika ihr Land geraubt wird, um darauf in großen Stil Mais für europäische Schweine anzubauen, ist Menschenwerk.

·         Dass in manchen Millionenstädten in Asien die Menschen an vielen Tagen nicht mehr aus dem Haus gehen, weil draußen keine Luft zum Atmen ist, es ist Menschenwerk.

·         Und dass die Schwalben bei uns keine Insekten mehr als Nahrung finden, auch das ist Menschenwerk.

 

Darum: lasst Gott aus dem Spiel, wenn es um die verheerenden Folgen von eurem verkehrten Tun geht. Der strafende Gott ist gar nicht nötig. Die Menschen machen das selbst.

 

V. Gott aber liebt die Güte. Nur die Güte.

Es ist für uns ungewohnt, den strafenden, den zornigen Gott mal außen vor zu lassen. Auch der Prophet Micha ging ganz selbstverständlich davon aus, dass Gott das schändliche Treiben der Oberen in Israel furchtbar bestrafen wird. Und als in Deutschland gegen Ende des Krieges ganze Städte zerbombt wurden, da dämmerte es vielen: Das sind die Strafen Gottes. Und später hieß es dann, in der Rückschau: Die Leute wurden wieder fromm, oder gläubig. Die Kirchen wurden wieder voll.

 

Die weisen Menschen, die dieses Nachwort zum Micha-Buch verfasst haben, die dachten anders. Sie hatten ein tiefes Verständnis von der menschlichen Natur. Sie wussten: Wer Angst hat vor dem zornigen, strafenden Gott, der wird Mittel und Wege finden, seine Vergehen kleinzureden, zu vertuschen, die Schuld auf andere abzuschieben, und wenn sie dann ganz klein geworden ist, dann kann man sie ja ein bisschen zugeben, denn so ganz schlimm wird es dann ja nicht sein mit der Strafe. Es ist wie bei fußballspielenden Kindern oder Jugendlichen. Wenn eine Scheibe kaputtgegangen ist, dann kommt das alles: Ich war’s nicht. Die anderen haben viel öfter auf dieses Fenster geschossen. Der hat mich gerempelt und dann konnte ich nicht gut zielen. Auch Polizisten und Kriminalbeamte und Richter erleben dieses Spiel in ihrem Berufsalltag. Und wer sich gut rausgeredet hat, lacht sich ins Fäustchen und macht grade so weiter.

 

Doch wer sich ein Herz fasst und anfängt, den Gott der Güte liebt, über alles zu loben, der kann gar nicht anders, als die Nähe zu diesem Gott zu suchen. Er wird alles tun, was ihm möglich ist, um diese Güte zu erfahren. Und er wird alles unterlassen, womit er sich entfernen würde von dieser Treue. Und so, wie sie dieses Gotteslob verfasst haben, wird klar: Gott bleibt sich treu. Er liebt die Güte. Er geht seinen Weg. Es sind wir Menschen, die allzu oft einander das Leben zur Hölle machen – im Großen Tag für Tag dort, wo Krieg geführt wird, und im Kleinen manchmal auch.

 

Wir können froh und dankbar sein, dass jene uns unbekannten weisen Menschen sich ein Herz gefasst haben, und in einer schweren Zeit ihren ziemlich verzweifelten und verzagten Mitmenschen dieses Gotteslob geschenkt haben.

Amen

 

Fürbittengebet

Herr unser Gott,

du liebst die Güte und nicht das Leid.

Darum bitten wir dich für die Menschen, die leiden unter der Gewalt und der Gier und dem Betrug ihrer Oberen.

Wir bitten dich für die Menschen, deren Häuser im Krieg zerstört sind und die nicht wissen, wohin.

Wir bitten dich für die Menschen, die von ihrem Land

vertrieben werden, damit andere großen Profit damit

machen können.

Herr, schenke ihnen dein Erbarmen.

 

Herr unser Gott,

du liebst die Güte und nicht das Leid.

So bitten wir dich auch für die Opfer von häuslicher Gewalt in unserem Land, für Frauen und Kinder, die missbraucht und misshandelt werden.

Und wir bitten dich für die Menschen fremder Herkunft,

die misshandelt und geschmäht und mit dem Tod bedroht werden.

Herr, schenke ihnen dein Erbarmen.

 

Herr unser Gott,

du liebst die Güte und nicht das Leid.

Wir bitten dich für uns alle:

Hilf, dass wir aufmerksam werden und empfindlich für

Unrecht, für Hass und für Rohheit, die sich in unserem Land ausbreiten.

Mach uns wachsam, dass wir nicht achtlos vorübergehen am Leid der Opfer, gib uns Mut, für sie einzutreten,

denn du liebst die Güte.

Schenke uns dein Erbarmen.

 

 

Wir beten das Gebet Jesu für seine Nachfolger, das die Welt umspannt:

Vaterunser

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Wir singen miteinander vom Lied „Die güldne Sonne“:

 

Kreuz und Elende, / das nimmt ein Ende;
nach Meeresbrausen / und Windessausen
leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht.
Freude die Fülle / und selige Stille
wird mich erwarten / im himmlischen Garten;
dahin sind meine Gedanken gericht'.

 

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

„Von selbst“ Andacht von Pfr. Thomas Soffner, Sondelfingen

© Thomas Soffner

Am Sonntag habe ich eine Spaziergag gemacht. Das Getreide ist noch grün, aber auch ein Laie erkennt mittlerweile, was da wächst, und kann die kommende Ernte kommen sehen. Dabei ist mir mein Lieblingsgleichnis wieder einmal eingefallen:

»Mit dem Reich Gottes«, erklärte Jesus, »ist es wie mit einem Bauern, der die Saat auf seinem Acker ausgestreut hat. Er legt sich schlafen, er steht wieder auf, ein Tag folgt dem anderen; und die Saat geht auf und wächst – wie, das weiß er selbst nicht. Ganz von selbst bringt die Erde Frucht hervor: zuerst die Halme, dann die Ähren und schließlich das ausgereifte Korn in den Ähren. Sobald die Frucht reif ist, lässt er das Getreide schneiden; die Zeit der Ernte ist da.« (Markus 4, 26-29, Neue Genfer Übersetzung)

Ganz so ist es natürlich nicht. Ein Bauer tut zwischen Saat und Ernte schon noch ein paar Dinge auf dem Acker und hat es auch damals schon getan. Und wie es zugeht, dass aus einem Korn eine Getreidepflanze wächst, wissen wir inzwischen auch ganz gut. Aber das ändert nichts am Entscheidenden: Dass das Gesäte wächst, können wir nicht machen, wir können es begünstigen (und verhindern), aber nicht geschehen lassen. So meint Jesus, geschieht in der Welt, was Gott macht: Menschen spielen eine Rolle, sie haben Aufgaben und Verantwortung – aber letzten Endes machen sie es nicht, das Entscheidende geschieht „von selbst“, Gott lässt es geschehen. Wir können darauf vertrauen, dass Gott das Nötige geschehen lässt, jeden Tag aufstehen und wieder schlafen gehen, bis es so weit ist. So tut Gott das ganz Große, das Reich Gottes, so bringt er die ganze Schöpfung an ihr Ziel. So tut er aber auch das „Kleine“, das was uns von Tag zu Tag leben lässt. Wir säen und wir dürfen am Ende ernten. Aber dass aufgeht, was wir säen, können und müssen wir nicht selbst sicherstellen. Wir können auf das warten und hoffen, was wir nicht in der Hand haben. Wir können auf das warten und vertrauen, was Gott geschehen lässt.

Haus-Gottesdienst am Zweiten Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2020 (Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe, Oferdingen)

Kerze anzünden – Persönliches Innehalten

 

 

Eingangsgebet

Herr, unser Gott,

wir danken dir für diesen neuen Tag – ein neuer Tag deiner Güte.

Wir bitten dich: Bring unsere Gedanken und unser Herz zur Ruhe. Begegne du uns.

Wir wollen uns dir jetzt zuwenden – im Hören, Beten und Singen.

Amen.

 

Lied: EG 225,1-33 (Komm, sag es allen weiter)

 

Predigt (Mt 11,25-30)

Liebe Gemeinde,

 

wie und wo tanken Sie auf?

Jede und jeder von uns hat wohl seine ganz eigenen Oasen, wo es Möglichkeiten zum Auftanken gibt. Ich persönlich tanke durch eine Runde auf dem Rad (was ich zugegebenermaßen gerade viel zu selten tue), durch ein gutes Buch, durch viel Zeit mit meiner Familie oder durch einen langen Spaziergang mit meinem Sohn auf. Wie und wo tanken Sie auf? Durch ein Projekt, das Sie endlich angehen können? Durch die Begegnung mit lieben Menschen? Durch Nichtstun beziehungsweise »Seele-baumeln-lassen«? Oder doch eher dadurch, aktiv zu sein oder sich dem eigenen Hobby zu widmen? Aufzutanken wünschen wir uns wohl alle: Unsere Batterien sollen für die kommenden Aufgaben im Leben aufgeladen sein. Doch bald sind die Batterien im Alltag wieder aufgebraucht.

 

Erholen und auftanken – können wir das auch im Alltag?

Ein französischer Gastwirt ließ 1765 an seinem Lokal in Latein folgenden Spruch anbringen: „Kommt alle zu mir, wenn euch der Magen knurrt, und ich werde euch wiederherstellen.“ Angelehnt ist dieser Spruch an ein Bibelwort (Mt 11,28): „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Für »wiederherstellen« und »erquicken« steht im Lateinischen das Wort restaurare. Davon ist unser Wort »Restaurant« abgeleitet: Ein Ort der Stärkung, wo man es sich gut gehen lassen kann. Auch Jesus bietet mir Stärkung – nicht aufdringlich, sondern einladend: „Komm doch zu mir. Bei mir darfst du sein, wie du bist. Ich kann dich entlasten.“ Die Verantwortung bleibt bei mir – und doch darf ich immer den Schritt auf ihn zu machen, denn er erwartet mich immer mit offenen Armen.

 

Eindrücklich hat das der niederländische Maler Rembrandt auf seinem Hundertguldenblatt dargestellt (https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Hundertguldenblatt#/media/Datei:Rembrandt_The_Hundred_Guilder_Print.jpg). In der Mitte dieses Bildes steht mitten im Dunkel umgeben von Licht und mit weit offenen Armen Jesus. Aus der Dunkelheit kommen die Menschen zu ihm. Zwei Frauen knien vor ihm und flehen ihn um Hilfe an. Eine Mutter trägt ihr Kind auf den Armen und bringt es zu Jesus.  Ein Kranker wird auf der Schubkarre herangefahren. In den Gesichtern spiegelt sich die Not dieser Menschen. Mühsal und Lasten bringen sie mit und eine große Sehnsucht nach Hilfe. Wie gerne würden sie sich erholen und auftanken. Und Jesus steht mit offenen Armen da und wendet sich all diesen Menschen zu.

 

Ja, er erwartet auch mich mit offenen Armen und bietet mir an, mich wieder zu beleben und mir neue Lebensmöglichkeiten zu eröffnen: Kraft zu geben, wo ich unter meinen Lasten zusammenbreche. Lasten abzulegen, wo ich zu schwer trage. Und mir beizustehen, wo ich sie nicht alleine tragen kann.

 

Und doch. Ich frage mich:

Auftanken – wo finden wir solche Möglichkeiten im Alltag?

 

Vielleicht in den Worten der Bibel.

Der einen oder dem anderen ist ihr bzw. sein Konfirmations- oder Hochzeitsspruch zum täglichen Lebensbegleiter geworden. Solche Sprüche können uns anhaltend auf unserem Lebensweg begleiten und an den erinnern, an den wir uns immer wenden können und der uns zusagt uns auch zu tragen, wenn der Lebensweg mühsam und beladen ist.

 

Vielleicht aber auch in Gebeten und Liedern.

In Gebeten und Liedern, mit denen wir all das vor Gott bringen können, was uns belastet. Mit vorgegebenen Texten und Zeilen, wo uns selbst die Worte fehlen. Oder mit ganz eigenen und dem, was uns auf dem Herzen und auf der Seele brennt.

 

Vielleicht an den Orten, an denen wir Gemeinschaft erleben bzw. bald wieder erleben dürfen.

Für manche von uns sind das die verschiedenen Gruppen, Kreise und Sportvereine oder die Familie. Orte, wo Menschen sich begegnen, sich austauschen und gegenseitig unterstützen. Für manche von uns sind das auch die Gottesdienste: Orte, wo der Alltag heilsam unterbrochen werden und unsere Seele auftanken kann. Dort, wo wir in Gemeinschaft zu Gott beten und ihn loben und den Raum für Begegnung mit ihm schaffen. Dort, wo es den Platz gibt, Gelingendes und Nichtgelingendes, Lob und Klage vor Gott zu bringen.

 

Ich wünsche uns, dass wir in unserem Alltag immer wieder solche Oasen zum Auftanken finden können. Und dass wir auch um das beständige Angebot Gottes durch Jesus Christus wissen dürfen, der uns begleiten und uns Kraft schenken möchte.

 

Amen.

 

 Lied: EG 503,1-3    (Geh aus, mein Herz, und suche Freud)

 

Fürbittengebet

Guter Gott,

bei dir dürfen wir auftanken und uns erholen.

Dein Wort hat die Kraft, unser Leben neu zu machen.

Wo wir gefangen sind, sprichst du uns frei.

Wo wir den Boden unter den Füßen verlieren, hältst du uns.

Wo wir trauern und klagen, tröstest du uns.

 

Guter Gott,

vor dir denken wir an die Menschen, die voll im Leben stehen.

Behüte sie, sich oder andere mit ihren Erwartungen zu überfordern.

Hilf ihnen auf, wenn sie unter den Erwartungen anderer leiden.

 

Guter Gott,

vor denken wir an die Menschen, die krank, verzweifelt und traurig sind.

Sei du ihnen nahe, wenn ihr fröhliches Lebenslied durch Krankheit, Tod und Trauer verstummt ist.

Hilf ihnen auf, wenn sie keinen Weg mehr aus dieser Dunkelheit zu finden scheinen.

Amen.

 

Vaterunser

Segen

Kerze auspusten – Stille

Sommer - Wunder der Ernte - Andacht zum 17.06.2020

Blumenwiese

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Wenn ich in diesen Tagen mit dem Fahrrad durch die Felder fahre, dann sehe ich, wie weit das Getreide sich schon entwickelt hat. Regen und Sonne haben bewirkt, dass es gut wachsen konnte und nun langsam zu reifen beginnt. Ich staune, denn oft geschieht das überraschend schnell und unbemerkt.


Das Getreide wächst ganz von allein. Davon spricht auch Jesus im Gleichnis vom Wachsen der Saat (Markus 4,26-29):

Und er sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

In der Kirchengemeinde war es in diesem Jahr eine andere Zeit des Säens. Fast kommt es mir so vor, als wäre die Zeit des Säens ausgefallen. Es gab eine Zeit ohne Gottesdienste, und so viele Veranstaltungen mussten ausfallen. Trotzdem höre ich, wie da und dort Gottes Wort auf guten Boden gefallen ist: Menschen, die sich auch über andere Formen der Kommunikation, per Telefon oder per Internet oder Brief ansprechen lassen und sich darüber freuen.

Dieser beginnende Sommer kommt mir vor wie eine Ernte ohne Saat. Ungewohnt, aber: es ist ein Geschenk! Trotz all den Dingen, bei denen ich immer wieder an Grenzen stoße. Trotz all der Flexibilität, die mir abverlangt ist. Trotz der Geduld, die immer wieder nötig ist.

Trotzdem will ich diese Freude über das Unerwartete nicht übersehen. Mir steht es vor Augen, dass auch uns versprochen ist, wie den Vögeln, die nicht sähen und nicht ernten: unser himmlischer Vater uns doch (Matthäus 6,26).

Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit,

an deines Gottes Gaben.

 

Ihre Pfarrerin Dorothee Beer

Hausgottesdienst, 14. Juni 2020 von Pfarrerin Waltraud Mohl (Sondelfingen)

Puzzleteile zusammensetzen

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Ankommen

Ich entzünde eine Kerze

Die Glocken läuten. Ich höre zu und werde ruhig.

Ich spreche: Im Namen Gottes des Vaters und es Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

 

Beten

Barmherziger Gott, ich komme zu dir.

Du bist der Herr über die ganze Welt und auch über alles, was mich bewegt.

Ich lege die Menschen an dein Herz, an die ich heute besonders denke: ---

Ich lege die Gedanken an dein Herz, die mich heute besonders bewegen: ---

Ich bringe vor dich, worüber ich mich heute freue: ---

Ich danke dir.

Amen.

 

Lied: EG 440 All Morgen ist ganz frisch und neu

 

Predigttext Apostelgeschichte 4, 32 – 37 und Gedanken dazu

Faszinierend und irgendwie unglaublich ist diese Geschichte: Sie teilen alles, was sie haben, die Menschen in den ursprünglichen christlichen Gemeinden. Und das Ergebnis ist: niemand leidet Not. Alle haben genug.

Niemand schwelgt im Überfluss und niemand muss Not leiden.

Es gibt Untersuchungen, die besagen: wenn die Nahrungsmittel auf unserer Welt gerecht verteilt wären, müsste niemand auf der Welt hungern. Es ist genug für alle da. Man muss es nur gerecht verteilen.

„Nur“ gerecht verteilen. Als ob das so einfach wäre. Schon die Apostelgeschichte weiß, dass das eben nicht so einfach ist. Die Geschichte direkt nach unserem Text erzählt von Hananias und Saphira, die etwas von ihrem Eigentum ganz privat für sich zurück halten. Ich kann die beiden gut verstehen – alles Teilen ist nicht leicht – aber Petrus urteilt: „Du hast dein Herz dem Satan geöffnet.“ Für Petrus ist es ganz klar: Daran, wie ich mit meinem Eigentum umgehe, zeigt sich, wer in meinem Herzen wohnt, Christus oder sein Widersacher.

Petrus hat das Bekenntnis Israels im Sinn:

„Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“ Und Jesus fügte dem ein weiteres Gebot Israels hinzu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Unser Herz soll erfüllt sein von Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten. Wo die Liebe ist, halte ich nichts zurück, da gebe ich alles.

Wo ich etwas zurück halte, erfüllt nicht die Liebe zu Gott und zu meinem Nächsten mein Herz, sondern da gebe ich auch noch einem anderen Raum: dem Satan.

Das klingt hart. Aber Petrus ist sich da ganz sicher:

Wer Gott liebt und seinen Nächsten wie sich selbst, der ist frei von der Sorge um sich selbst und frei von Eigennutz. Wer sein Herz öffnet für Gott, der öffnet zugleich seine Hände für seinen Nächsten. Wenn das alle in einer Gemeinde tun, muss niemand Not leiden. Genau das wünscht Christus seiner Gemeinde:

Niemand soll Not leiden.

Und wenn weltweit alle das täten, müsste auf der ganzen Welt niemand Not leiden.

Wie weit sind wir davon entfernt.

Wie schwer ein gerechtes Teilen ist, wird in den heutigen Tagen besonders deutlich. Viele Menschen, viele Firmen und Unternehmen verlieren durch die Corona - Krise ihre

Existenzgrundlage – aber gefördert werden in erster Linie die mit einer starken Lobby.

Und mit wem teile ich selbst?

In der Urgemeinde, so erzählt der Text, betrachtet niemand etwas als seinen Privatbesitz. Allen gehörte alles. – Ich selbst bin aber froh über das, was mir persönlich gehört.

Ich bin weit weg von der urchristlichen Sicht der Besitzverhältnisse: Allen gehört alles.

Die Apostelgeschichte ist eine Herausforderung: Sie bestätigt uns nicht in dem, was wir sowieso tun, sondern sie fordert uns heraus, neue Wege zu gehen, neue Maßstäbe zu finden und ganz und gar zu lieben.

Wo wir uns dieser Herausforderung stellen, kann sogar in der Krise heute eine Chance zur Veränderung zum Guten liegen.

Wo es uns nicht gelingt – und das wird oft der Fall sein – da dürfen wir uns umso mehr an Christus halten. Er kennt unsere Schwäche. Er liebt uns mit allen unseren Schwächen. Er lockt uns immer wieder neu auf neue Wege in die Richtung hin zum Reich Gottes, das kommt.

 

Wochenlied 382 Von Gott will ich nicht lassen

 

Fürbitte:

Barmherziger Gott,

In deine Hände lege ich, was mich bewegt:

Meine Sorge um meine Familie und um meine Freunde: Du hältst sie.

Mein Herz: öffne es für die Menschen, die mich brauchen.

Meine Hände: Mache sie freigiebig, um Not zu lindern.

Die vielen Menschen, die unter Not leiden: weil sie krank sind, oder weil sie kein Zuhause haben. Weil sie Hunger haben oder unter Gewalt leiden. Weil sie keine Perspektiver sehen für sich selbst und für die Menschen, die sie lieben: erbarme dich ihrer.

Barmherziger Gott, du bist der Herr der Welt. Erfülle die ganze Welt mit deinem Segen.     Amen.

 

Segen:

Gott segne dich und behüte dich.

Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden. Amen.

 

Musik / Stille – Kerze auspusten

Andacht zum 10. Juni 2020 zu Psalm 84 von Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe (Oferdingen)

»Sehnsucht« – wir alle kennen dieses Gefühl, diesen unbändigen Wunsch und dieses unbändige Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand oder einem gewissen Zeitpunkt.

»Sehnsucht« empfindet jeder von uns anders, die einen stärker, die anderen schwächer. Und auch das Ziel dieser Sehnsucht ist bei jedem von uns unterschiedlich.

Wohin schlägt Ihre Sehnsucht? Wonach sehnen Sie sich im Moment? Nach noch mehr Rückkehr zur Normalität? Nach Familien und Freunden? Nach gelingender Gemeinschaft in unserer Welt, die von Hass, Gewalt und Rassismus zerrissen ist?

»Sehnsucht« ist greifbar – das spüren wir sowohl unmittelbar in den Zusammenhängen unseres eigenen als auch im öffentlichen Lebens. Doch kann sie in unserem Leben auch Erfüllung finden – oder muss sie gänzlich unerfüllt bleiben?

In den bildhaften und tiefgründigen Worten des biblischen Psalters werden die Sehnsüchte des Menschen in ihren ganz verschiedenen Dimensionen und in all ihren Facetten vor Gott gebracht. So auch die Sehnsucht des Psalmbeters von Psalm 84 nach dem Berg Zion und seinem Tempel. Zum Tempel, wo Gott präsent und gegenwärtig ist. Gerade deshalb ist der Zion mit seinem Tempel als Mitte der Gottesstadt bis zu seiner Zerstörung das Lebenszentrum des alten Israels schlechthin geblieben: Weil Gott an diesem Ort präsent und gegenwärtig ist, gehen von ihm Sicherheit, Schutz und Hilfe, Fruchtbarkeit und Wohlstand, Schönheit, Gerechtigkeit und Frieden für Stadt, Land und Leute aus.

 

Deshalb verschmachtet der Psalmbeter mit „Leib und Seele“ in Sehnsucht „nach den Vorhöfen des HERRN“ und nach „dem lebendigen Gott“ (Ps 84,3). Das, was für ihn zählt und wonach er sich sehnt, ist einzig und allein die Nähe zu Gott, seinem Schöpfer – nach ihm allein sehnen sich all seine sehnsuchtsvollen Gedanken, denn er ist ihm die immer wieder neu aufgehende Quelle, die den Beter in seinem Alltag und seinen Sorgen speist und belebt (vgl. Ps 84,12).

»Sehnsucht« ist greifbar – das spüren wir auch unmittelbar bei unserem Psalmbeter, der fernab und weit entfernt vom Zion lebt. Doch kann sie in seinem Leben auch Erfüllung finden – oder muss sie gänzlich unerfüllt bleiben?

Nein – trotz der räumlichen Distanz, die zwischen ihm und dem Zion als Ziel seiner Sehnsucht liegt, bleibt diese Sehnsucht des Psalmbeters gerade nicht unerfüllt.

Indem sich seine ganze Existenz, sein ganzes Menschsein, sein ganzes Handeln, Denken und Fühlen um diese Sehnsucht nach dem Zion drehen, so ist er, wenn auch nicht wirklich, aber doch mit dem Herzen zum Ort der Gegenwart Gottes unterwegs. Und gerade darin findet auch seine Sehnsucht ihre Erfüllung: Denn glücklich sind die Menschen, deren Herz von der Vorstellung erfüllt ist, ihr ganzes Leben als Pilgerweg zum lebendigen Gott zu gestalten – und gerade darin finden sie Kraft und Stärke (Ps 84,6): „Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten und von Herzen dir nachwandeln!“ Echte Sehnsucht setzt ungeahnte Kräfte frei: Für das Hier und Jetzt, für den ganz persönlichen Lebensweg.

»Sehnsucht« ist greifbar und kann im Leben Erfüllung finden. das spüren wir bei unserem Psalmbeter: Von ihr können ungeahnte Kräfte ausgehen, die eine innere Stärke erwachsen und alle Resignation überwinden lassen. Ungeahnte Kräfte, die auch wir in den Zusammenhängen unseres eigenen und öffentlichen Lebens spüren dürfen.

Doch wir merken nur allzu leicht, wie unsere Sehnsucht oftmals von jetzt auf gleich ins Gegenteil umschlagen kann. Oftmals macht sich Resignation breit – und gerade da braucht es auch für uns einen Ort der Sehnsucht, an dem Leib und Seele innehalten, zur Ruhe und zu sich selbst kommen können: Fernab von den alltäglichen Gedanken, die Sorge bereiten, von allen Verpflichtungen, Erwartungen und von allem Trubel der Welt. Einen Ort, der die Chance und den Raum im Leben für Begegnung mit dem lebendigen Gott bietet: Orte, wie unsere Gottesdienste, Bibelworte oder Zeiten der persönlichen Einkehr. Sie bieten Platz, Gelingendes und Nichtgelingendes, Lob und Klage vor Gott zu bringen. Sie halten unsere Hoffnung wach, ja sie können unsere Sehnsucht nach gelingendem Leben, nach Gerechtigkeit für diese Welt immer wieder neu wecken und entfachen. Sie wollen unsere Freude an und unser Vertrauen auf den lebendigen Gott stärken, um mit neuem Mut und neuer Zuversicht auf unseren Lebenswegen gehen zu können. Weil sie durch die biblische Botschaft ungeahnte Kräfte freisetzen können, die in uns eine innere Stärke erwachsen und all unsere Resignation überwinden lassen – und uns so ermutigen, in und an der Welt wie derjenige zu handeln, der im Johannesevangelium von sich selbst als neuem Tempel und als neuem Ort der Gottesgegenwart gesprochen hat: Jesus Christus.

Amen.

Haus-Gottesdienst zum Dreieinigkeitsfest 2020, Pfarrer Jörg Schweizer

Statue

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Große Statue mit ausgestreckten Armen

Kerze anzünden – Innehalten

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

 

Begrüßung, Wochenspruch

"Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen." (2. Korinther 13, 13)

 

Psalm 100

Gebet

"Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand, ohne Gott ein Tropfen in der Glut, ohne Gott bin ich ein Gras im Sand und ein Vogel, dessen Schwinge ruht.
Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft, bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft."  Jochen Klepper


Lied: Die güldne Sonne


Predigttext 4. Mose 6, 22 – 27

Der priesterliche Segen

22 Und der HERR redete mit Mose und sprach:

23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

24 Der HERR segne dich und behüte dich;

25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

 

Drei Verse - dreifacher Segen. Schutz und Bewahrung. Vollkommenes Glück und vollkommenes Leben. Dreifache Zuwendung Gottes zu den Kindern Israels. Mehr kann man einem Menschen nicht wünschen.

 

Umso verwunderlicher, dass erst Martin Luther diese Anweisung an Aaron und seine Nachkommen in den Gottesdienst aufgenommen hat. Später, in „aufgeklärten“ Zeiten verschwand der aaronitische Segen wieder aus dem Gottesdienst. Man empfand ihn zu „jüdisch“. Erst im 19./20. Jahrhundert wurde er in unseren Gottesdiensten fest verankert, und ist für uns heute nicht mehr wegdenkbar.

Im jüdischen Gottesdienst stehen die Worte, die Aaron und seine Nachkommen zu sprechen aufgetragen sind, nicht am Ende des Gottesdienstes, sondern im Zentrum.

Alle Nachkommen Aarons, alle die aus priesterlichem Hause stammen, versammeln sich vor dem Toraschrein. Da stehen dann 13-jährige Knaben neben alten Männern. Oft ist es eine ganze Gruppe, die sich da auf den Weg macht.

Zuerst waschen sich alle die Hände. Die Leviten haben Kannen mit Wasser herbeigebracht, damit die Hände rituell gewaschen werden können. Die Schuhe werden ausgezogen. So wie Mose seine Schuhe am Dornbusch ausgezogen hat, weil der Ort, auf dem er stand, heilig war. Heilig deshalb, weil sich Gott ihm dort zeigte und seinen Namen nannte.

Und nun stehen die Priester vor dem Toraschrein und vor der Gemeinde. Sie bedecken ihren Kopf und ihre erhobenen Hände mit dem Gebetsschal. Die Finger sind gespreizt, so wie das auf Grabsteinen von Priestern manchmal zu sehen ist. So machen sie deutlich, dass sie den Segen nicht in Händen halten und er nicht aus ihren Händen kommt. Durch die gespreizten Finger hindurch scheint die Gegenwart Gottes.

Die Priester segnen nicht selbst. Sie geben den Segen weiter, indem sie die Worte sagen. Denn so heißt es ja: „Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Auf den genauen Wortlaut kommt es an. Der Vorbeter spricht jedes Wort einzeln vor. Laut. Die Gemeinde der versammelten Priester spricht es nach. Wort für Wort. Nach jedem Vers antwortet die Gemeinde mit „Amen“, das heißt „so ist es“, „so sei es“.

In der Gemeinde schaut niemand nach vorn. Man bedeckt die Augen. Schaut zum Boden. Im Wissen darum, dass Gott selbst in diesen Worten gegenwärtig ist und sein Volk segnet. In den menschlichen Worten ist Gott präsent. In den menschlichen Worten ist seine Stimme vernehmbar.

Nach dem Segen drehen sich die Priester um. Sie nehmen den Gebetsmantel vom Kopf, ziehen die Schuhe wieder an und gehen auf ihren Platz zurück. Der Ort, der für einen Moment zum heiligen Ort geworden ist, zum Ort der Gottesbegegnung wie am Dornbusch, ist wieder das, was er immer war. Ein Ort in einer Synagoge. Irgendwo auf der Welt.

 

„So sollt ihr sagen.“ Nichts hinzufügen. Nichts weglassen. Nicht euren Geschmack und eure Gefühle zum Maßstab nehmen.

„So sollt ihr sagen.“ So – und nicht anders – sollt ihr sagen, damit ICH segne. Liebe Gemeinde, der ewigreiche Gott will uns gnädig anschauen und uns das geben, was wir zum Leben für Leib und Seele brauchen.

Eine Frau sagt: „Manchmal komme ich nur zum Gottesdienst, um am Ende mit dem Segen nach Hause gehen zu können. Wie ein warmer Mantel umhüllen und beschützen mich die Worte vom leuchtenden Angesicht Gottes außerhalb der Kirchenmauern. Und in der letzten Zeit kommt es schon einmal vor, dass ich meinen Enkelkindern einen Segenswunsch mit auf den Schulweg gebe oder über dem frischen Brot ein Segensgebet spreche, bevor ich es anschneide …“.

Der Segen Gottes, liebe Gemeinde, begleitet uns hinaus ins Leben. In den Alltag. In die Situationen, in denen wir gefordert sind, ruhig und nüchtern das Notwendige zu tun.

Als Gesegnete werden wir zum Segen und suchen den Frieden.

Der Segen Gottes ist ein Geschenk, das wirkt und das uns verändert. Das hat auch Jakob erfahren, dem hinkend am Morgen nach nächtlichem Kampf die Sonne aufging. Da erkannte er im Angesicht seines Bruders das Angesicht Gottes.

Amen

 

Fürbittengebet

Alles Leben kommt aus Deiner Hand, Herr,

die raschen Tage und die stillen,

das Lachen und das Weinen,

unsere Zweifel und unsere Zuversicht,

es ist alles vor deinen Augen,

und es lebt von dem Atem deiner Güte.

 

Herr, es ist alle Zeit

wie ein anvertrautes Land.

Wieviel versäumen wir daran,

und wieviel kann werden und wachsen

auf einem Land,

über das die Sonne deines Erbarmens geht.

 

Löse uns aus dem Schatten der Schuld,

bewahre uns vor dem Leichtsinn der Gedankenlosen

und vor dem Unsinn vieler Sorgen.

Schenke uns die Zuversicht

und das fröhliche, getroste Herz derer,

die dir vertrauen.

Amen (Theophil Askani)

 

Wir beten das Gebet Jesu für seine Nachfolger, das die Welt umspannt:

Vaterunser

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Heute kann es regnen, stürmen oder schnei'n... Andacht zum 03.06. von Pfarrerin Inga Kaltschnee (Sickenhausen)

Seifenblasen machen

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Heute kann es regnen, stürmen oder schnei’n

Hatten Sie in letzter Zeit Geburtstag? Oder eine enge Freundin, ein Verwandter? – Wer in den letzten Monaten Geburtstag hatte, musste oft anders feiern als eigentlich geplant. In meiner Familie stand ein großer runder Geburtstag im Mai an; zahlreiche Einladungen waren verschickt worden, das Restaurant schon vor Monaten gebucht. Doch dann wurde alles abgesagt. Das war eine Erfahrung, die viele Menschen in ihrem Leben und besonders im Moment machen: Das Leben spielt oft anders als erwartet.

Dass das so ist, haben die Jüngerinnen und Jünger immer wieder erlebt. An Pfingsten erlebten sie ein Gemeinschaftswunder (nachzulesen in Apg 2). Pfingsten wird auch als Geburtstag bezeichnet. Die Menschen haben frei von ihrem Glauben und der Hoffnung in ihrem Leben gesprochen. Viele haben die Begeisterung gespürt und sich taufen lassen, die erste Gemeinde entstand. Als eine Kollegin von mir die Kinder in der Grundschule fragte, wer denn da Geburtstag hatte, rieten sie: „Jesus“. Im Zweifelsfall wird diese Antwort im Religionsunterricht gerne eingebracht, aber so ganz richtig war das ja nicht. Also sprachen sie nochmals über Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und dann eben Pfingsten: Dem Geburtstag der Kirche. Eine große Geburtstagsparty hat es sicher in kaum einer Kirche am vergangenen Sonntag gegeben und doch ist es ja Grund zu feiern: Dass Gott uns in eine größere Gemeinschaft gestellt hat, dass Gott uns auch in Corona Zeiten durch seinen Geist verbindet, dass Menschen einander immer wieder über Grenzen hinweg verstehen und dass Gott, wie es im Johannesevangelium von Jesus verheißen wird (bspw. in Joh 14,26), den Menschen einen Tröster sendet. Da kann es regnen, stürmen oder schnei’n, immer wieder erleben Menschen diesen Trost, oft auch in kleinen Dingen.

Meine Kollegin hat übrigens nochmal über die Antwort in der Grundschule nachgedacht. Jesus hat zwar an Weihnachten Geburtstag, aber an Pfingsten schickt Gott ja den Heiligen Geist. Am kommenden Sonntag feiern wir Trinitatis, das Dreieinigkeitsfest, das die Verbindung und Einheit von Gott: Vater, Sohn -also Jesus- und dem Heiligen Geist zeigt. Insofern war die Antwort Jesus ja vielleicht doch ein Stück weit richtig.

Und auch mein Verwandter hat noch sein kleines Pfingstwunder erlebt. Zwei Haushalte durften sich inzwischen treffen und in dieser Gegend in Deutschland hatten sogar die Restaurants wieder offen, sodass zumindest im kleinen Kreis auf einer Restaurantterrasse angestoßen werden konnte. Für ihn war dieses kleine Beisammensein ein echter Trost.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder Gottes Trost auch in Ihrem Leben entdecken und der Geist der Gemeinschaft weht, egal, ob es stürmt oder schneit.

Ihre Inga Kaltschnee

Pfingstpredigt von Pfarrerin Dorothee Beer

Pfingsten ist ein wichtiges Fest in der Kirche, und doch steht es so oft zurück hinter Weihnachten und Ostern. Immerhin: es gibt einen zweiten Feiertag wie an Ostern, den Pfingstmontag. Weihnachten feiern wir ja sogar noch einen Tag länger!

Und doch steht es zurück hinter dem Kind in der Krippe, dem Weihnachtsbaum, den Geschenken, dem Osterhasen und dem Osterfeuer.

Was verbinden Sie mit Pfingsten?

Pfingsten erscheint nur schwer greifbar. Es ist ein wenig das Fest des Unsichtbaren: Der Heilige Geist kommt vom Himmel. Ein Brausen ist zu spüren. Wind und auch Feuer, das sind Naturgewalten, die uns heute am Pfingstfest begegnen. Wir haben es eben in der Geschichte gehört.

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

Der Wind ist nicht zu sehen, aber er bringt in Bewegung. Sichtbar wird das an den Zweigen, die im Wind wehen. Oder am Drachen, der hoch in die Luft steigt. Und so wie der Wind bringt der Heilige Geist uns Menschen in Bewegung. Das ist das Besondere am Pfingstfest. Der Glaube ist etwas Dynamisches. Wenn es nur um Gott und den Menschen ginge, dann wäre das eine statische Angelegenheit. Aber nein, es ist eine Dreiecksbeziehung: Gott, Mensch und die Menschen untereinander. So wie bei Gott selbst. Gott der Vater, der Sohn und der heilige Geist. Der Heilige Geist stiftet Beziehung. Er bringt uns in Bewegung aufeinander zu.

Das erste Pfingstfest in Jerusalem bringt die Menschen auf neue Weise zusammen. Die Jünger reden in verschiedenen Sprachen, und doch können die Menschen sie verstehen. Das ist ganz merkwürdig. Die Jerusalemer wollen es zunächst gar nicht verstehen, und denken, die Jünger seien verrückt geworden. Etwas ganz Neues ist geschehen. Das kann verunsichern. Aber schließlich ist es so, dass eine neue Gemeinschaft entsteht. Die Zahl der Anhänger Jesu vergrößert sich. Zunächst waren alle traurig und verstört, weil Jesus nicht mehr unter ihnen war. Doch dann spürten sie unter sich den Heiligen Geist. Der Heilige Geist, der Gemeinschaft schafft. Den Heiligen Geist, der Verständigung ermöglicht. Der Heilige Geist, der die Menschen auf den Weg bringt – zueinander.

In diesen Tagen und Wochen, in denen wir von der Corona-Krise bestimmt werden, und von den Regeln, die uns teilweise isolieren, höre ich die Pfingstgeschichte noch einmal ganz neu. Ich freue mich über die Hoffnung, dass Menschen trotz mancher Hindernisse zueinanderfinden. Und ich will auf die Liebe vertrauen, die stärker ist als das, was zwischen uns steht.

Ein Bild ist mir eingefallen, wie Gott mit seinem Heiligen Geist uns Menschen verbindet, so dass wir gemeinsam Neues schaffen. Sie kennen vielleicht solch ein großes rundes Schwungtuch, das aussieht wie ein Fallschirmtuch. Außen herum sind Schlaufen, an denen man das Tuch festhalten kann. Wenn man gemeinsam DIE Arme hebt, fliegt es mit Schwung in die Luft. Für Kinder ist es besonders faszinierend, unter diesem Tuch hindurch zu laufen oder sich darunter zu verstecken. Dann ist es für sie sogar wie ein Zelt, in dem sie sich geborgen fühlen.

So wie das Schwungtuch, so stelle ich mir Gottes Wirken unter uns Menschen vor. Eine Kraft, die verbindet. Eine Kraft, die froh macht. Eine Kraft, die Geborgenheit gibt.

Amen.

Meine Zeit – was ist eigentlich Zeit? - Andacht zum 27.05.2020

Im Kalender notiertes Treffend

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Die Uhrzeit, die Lebenszeit, die Arbeitszeit und die Freizeit? Wer philosophische, psychologische und physikalische Informationen sucht, der rufe den Titel Zeit bei google auf, da rauscht es wie ein Wasserfall. Wer jedoch über den Glauben mehr wissen möchte, als Geistes– und Naturwissenschaften zu bieten haben, der gehe noch ein paar Schritte weiter mit in dieser Spur.

 

Im Neuen Testament finden wir zwei wichtige griechische Worte für Zeit: Chronos und Kairos.

 

Chronos steht für die Uhrzeit und für die Kalenderzeit. Die Uhr, früher auch Chronometer genannt, dreht ihre Zeiger immer rundherum und wieder rundherum. Sie kommt an jedem Tag zweimal bei der 12 auf dem Zifferblatt an. Der Kalender beginnt mit dem 1. Januar und schließt mit dem 31. Dezember. Der Terminkalender zeigt es mir. Und schon beginnt das neue Jahr. Die 356 Tage laufen ab und davon.

 

 

Dieser Fakt ist uns bekannt, wir erleben es ja von Sekunde zu Sekunde. Doch ist das dramatische bei der ablaufenden Zeit unseres Lebens, dass jede Sekunde, Minute und Stunde, nie mehr wiederkehrt. Sie ist vorbei, davongeeilt.

Wir stellen uns auf eine Brücke und erleben, wie ein ICE unter uns hindurchbraust. Wir werden diese Sekunden nie mehr erleben. Es werden andere Züge kommen, doch nie mehr dieser Zug in den zwei Minuten dieses Tages unter der Brücke.

 

Die Zeit vergeht, was haben wir in ihr und mit ihr gemacht? Zerfasert, ignoriert, nur zu Geld gemacht, oder für die wesentlichen Inhalte des Lebens genutzt? Für die Liebe, für Menschen, die uns brauchten, für die stillen Minuten vor Gott.

 

Kairos heißt das zweite griechische Wort im Neuen Testament. Es ist der entscheidende Moment, die besondere Stunde, der rettende Zeitpunkt, den wir erleben. Der Kairos tritt ein, wenn zwei Menschen ihre Liebe zueinander entdecken. Die Hochzeit nannten die Griechen wohl einen Kairos. Die Geburt eines Kindes ist für die Eltern, ihr Kind wie für die ganze Familie sozusagen „kairos“.

 

 

Ein Mensch wird aufmerksam für Gott, hört ihn zu sich reden, nicht akustisch, sondern spirituell. In einem Gottesdienst, bei einem Gespräch, während einer Krankheit, bei einer das Leben erschütternden Erfahrung, das ist ein Kairos. Gemeint sind nicht nur traurige Zeitpunkte, auch begeisternde Erfahrungen gehören dazu. Es kommt der Kairos Gottes zu uns, die mit Gottes Gegenwart gefüllte Zeit. Wenn ich ihn in jedem Augenblick an meiner Seite weiß. Er mich durchträgt in schweren Zeiten. So dass ich mich auf ihn verlasse und darauf vertraue: „Meine Zeit steht in Gottes Händen“! (Psalm 31,16)

 

Darauf möchte ich mich einlassen und mich fragen: Was hat die Stunde geschlagen? Was ist im Moment gerade dran, für mich und die Menschen, mit denen ich verbunden bin?

Der Kairos Gottes springt hinein in die Planung unseres Terminkalenders. Zeiten laufen nicht mehr nur chronologisch ab, sondern bekommen eine tiefere Bedeutung durch Gottes Wirken in meinem Leben. Über alle messbare Zeit hinweg möchte ich mich mit Christus verbinden. Seine Liebe strömt in mein Leben, in meine Zeit. So wird es erfüllte, hoffnungsvolle, gesegnete Zeit.

 

von Pfarrer Bernd Rexer (Wannweil)

Haus-Gottesdienst am Sonntag Exaudi, 24. Mai 2020 (Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe, Oferdingen)

Das Bild stammt von Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe und stellt einen Ausschnitt von einem Regenbogen mit Fingerfarben dar.

KERZE ANZÜNDEN - PERSÖNLICHES INNEHALTEN

 

Eingangsgebet

Herr, unser Gott,

du bist voll ungeahnter Möglichkeiten:

Mein Licht, mein Heil, meines Lebens Kraft und meine Hilfe.

Darauf hoffen wir, wenn wir uns im Hier und Jetzt zu dir wenden.

Schenke uns Mut, der unsere Ängste überwindet.

Schenke uns Fantasie, die unseren Träumen Flügel leiht.

Lass uns spüren, dass dein Geist uns lebendig, zuversichtlich und fröhlich macht. Amen.

 

Lied: EG 136,1-3    (O komm, du Geist der Wahrheit)

 

Predigt (Jer 31,31-34)

Liebe Gemeinde,

 

Zwischenzeit.

Der Duden definiert dieses Wort »Zwischenzeit« als „Zeitraum zwischen zwei zeitlichen Markierungspunkten“.

Eine solche Zwischenzeit markiert der heutige Sonntag mit dem Namen Exaudi („Höre“, vgl. Ps 27,7), der im Kirchenjahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten steht. Für die Jüngerinnen und Jünger fängt mit der Himmelfahrt von Jesus Christus eine solche Zwischenzeit an: Jesus ist nicht mehr unter ihnen und der „Geist der Wahrheit“ (Joh 16,13), der ihnen verheißen ist, ist noch nicht da – das Pfingstfest steht ja noch aus. Und so standen vielleicht auch die Jüngerinnen und Jünger in ihrer Zwischenzeit damals unsicher und ängstlich vor der Frage: „Was kann Halt geben, wenn ich in der Luft hänge?“

Das Leben in solchen »Zwischenzeiten«, als „Zeiträume zwischen zwei zeitlichen Markierungspunkten“, ist, so denke ich, eine Grunderfahrung unseres menschlichen Lebens:

 

Wir leben in einer »Zwischenzeit« zwischen Lockdown und Rückkehr zur Normalität.

Die Corona-Krise hat unser soziales und gesellschaftliches Leben lahmgelegt. Ganz langsam beginnen wir auf verschiedenen Ebenen (Wirtschaft, Schule, Gottesdienst), Schritte Richtung Normalität zu gehen. Wie sehr wünschen wir uns doch wiederunser altes Leben beziehungsweise die echte Normalität zurück – Leben in der Zwischenzeit.

Wir leben immer wieder zudem in »Zwischenzeiten« zwischen Abbruch und manchmal (unbekanntem) Neubeginn.

Die Erfahrung, dass wir zwischen dem Ende von Altem und Beginn von Neuem leben, machen wir immer wieder. Wir fragen uns: Was passiert mit uns nach Schule, Ausbildung oder im Rahmen einer beruflichen oder örtlichen Veränderung? Wie geht es nach dem Abbruch von Beziehungen weiter? Was erwartet uns da an Neuem und Unbekanntem?

 

Immer wieder sind wir in solche »Zwischenzeiten«, die eine Geschichte zwischen zwei Markierungspunkten beschreiben, hineingestellt – unsicher, aufgeregt, mutlos oder gespannt vor solch einem neuen Markierungspunkt fragen auch wir uns: „Was kann Halt geben, wenn ich in der Luft hänge?“

 

Jeremia, seines Zeichens Prophet und Sprachrohr Gottes, seufzt. „Auch ich kann ein Lied davon singen,“ so hört er sich zu sich selbst sagen. Er steht in der zerstörten Tempelanlage in Jerusalem – hier wie in der ganzen Stadt ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Die Babylonier haben vor ein paar Jahren die Stadt sprichwörtlich auseinandergenommen. Die Gassen sind wie leergefegt, die Stadt vegetiert führungslos vor sich hin. Schmerzlich erinnert sich Jeremia an den Lärm von Krieg, Folter, Tod und Klagegeschrei. Und daran, wie die Babylonier besonders die Oberschicht von Jerusalem/Juda in ihr Land deportiert hatten.

Die Erinnerung an diese Zeiten schmerzt Jeremia. „Unheil“ und „Gericht“ zu verkündigen (Jer 1,14.16) – so lautete der Auftrag von seinem Gott, der ihn als Prophet in seinen Dienst gestellt hatte. Der Abfall des Volkes von seinem Gott, das Anbeten fremder Götzen und politisches Machtgeschacher hatten letztlich das Fass zum Überlaufen gebracht. Sein Einwand, er sei „zu jung“ (Jer 1,6) war unerhört geblieben. Stattdessen wurde er ins kalte Wasser geworfen – mit dem Rucksack eines schweren Auftrages auf dem Rücken (vgl. Jer 1,19), der ihn immer wieder belastet und dem erbarmungslosen Widerstreit seiner Mitmenschen ausgesetzt hat (vgl. Jer 11-20).

 

Traurig, geknickt und verbittert setzt sich Jeremia auf den Stumpf einer Tempelsäule. Er lässt seinen Blick über die Überreste des Tempels schweifen. Der Tempel in seiner ganzen Pracht war für ihn der Inbegriff der Hoffnung – ja Zeichen und Garant für den Bund zwischen Gott und den Menschen. Doch mit seiner Zerstörung ist für Jeremia, so fühlt er es zumindest, ein wichtiger Markierungspunkt weggebrochen. Er fühlt sich niedergeschlagen und unsicher. Unsicher, welcher neue Markierungspunkt auf ihn warten wird. Und so fragt er sich beklommen: „Was kann mir jetzt Halt geben, wo ich in der Luft hänge?“

Jeremia merkt plötzlich auf. Ihm ist es, als würden sich die folgenden Worte beinahe auf sein verzagtes und unsicheres Herz legen:

 

Bibeltext (Luther 2017) Jer 31,31-34

Ein „neuer Bund“ (Jer 31,31) mit Gottes Weisungen in „Herz“ und „Sinn“ (Jer 31,33). Immer und immer wieder sagt Jeremia diese Worte vor sich hin.

 

Den Menschen wird ein neuer Bund verheißen, der keine Belehrung mehr braucht (vgl. Jer 31,34). Ein neuer Bund im Herzen, dauerhaft getragen von Gottes Treue und seiner liebevollen Zuwendung zu uns Menschen, die auf eine neue Beziehung zwischen Gott und Mensch aus ist. Es geht um eine Beziehung, so denkt Jeremia bei sich, die nicht mehr abbrechen kann und tragfähig ist. Denn Gott will sich dem Menschen gerade in seiner Schwachheit, und in seinen Umbrüchen zuwenden. Er will einen Schlussstrich unter menschliches Versagen ziehen. Er will den Menschen einen großen Neuanfang verheißen, indem, so murmelt Jeremia vor sich hin, er „ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken“ (Jer 31,34) will.

 

Es sind Worte, die sich wie Balsam um und auf Jeremias Herz legen: Gott sagt den Menschen einen Bund zu. Ein Bund heißt: „Gott hält zu mir und zu uns Menschen.“

 

Es sind Worte, die sein niedergeschlagenes und unsicheres Herz wieder in den richtigen Takt zu bringen scheinen. Denn Jeremia merkt: Es ist umfangen von Gottes Treue und seiner liebevollen Zuwendung zu ihm, zu den Menschen. Dieses »Umfangensein« möchte all das, wofür das Herz (alttestamentlich) steht, bestimmen und leiten: Die Wahrnehmung, den Verstand, die Willenskraft, den Tatendrang, die Gefühle und die Lebensenergie.

 

Ja, so denkt Jeremia weiter, was wäre, wenn gar alle Menschen von diesem »Umfangensein« von Gott, seinen Weisungen, aus seiner Treue und seiner liebevollen Zuwendung her leben würden? Auch dafür haben Gottes Worte Jeremia eine Wendung ins Herz gelegt: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein.“ (Jer 31,33) Jeremia wird noch wärmer ums Herz: Eine neue und heile Welt, in der die Menschen in Einklang mit Gott als Schöpfer und der Schöpfung leben. Eine neue und heile Welt, in der Frieden herrscht, weil die Menschen von Gottes gutem Willen in „Herz“ und „Sinn“ erfüllt sind.

 

Umgeben von dieser Verheißung im Herzen kann Jeremia aufstehen und weitergehen. Sie ist etwas, das ihm Halt gibt – in seiner »Zwischenzeit«.

 

Von dieser Verheißung, aus der Jeremia lebt, wissen wir als Christinnen und Christen in der Zwischenzeit gar mehr: Denn wir glauben, dass Gott diese Verheißung des „neuen Bundes“ (Jer 31,31) in Jesus Christus zu erfüllen begonnen hat. Das, was Jeremia schon als neue Hoffnung empfinden konnte, ist in Jesus Christus schon mitten unter uns: In ihm hat Gott seinen neuen Bund mit uns bestätigt.

 Er hat Menschen in ihren »Zwischenzeiten« neue Hoffnung und Perspektiven gegeben, indem er Grenzen und Hass überwunden, Liebe und Annahme gelebt hat und die Mühseligen und Beladenen gestärkt hat. Ja unsere „Missetat“ und „Sünde“ (Jer 31,34) hat er ans Kreuz getragen, damit wir leben und hinleben dürfen auf den großen Markierungspunkt in Gottes Reich, der bereits im Hier und Jetzt unsere Gegenwart bescheint – hoffnungsvoll, ermutigend, unsere Talente und Kräfte für andere einsetzend, auch in den »Zwischenzeiten« unseres Lebens.

Denn das Leben in »Zwischenzeiten«, als „Zeiträume zwischen zwei zeitlichen Markierungspunkten“, ist, so denke ich, liebe Gemeinde, eine Grunderfahrung unseres menschlichen Lebens. Unsicher, aufgeregt, mutlos oder gespannt vor solch einem neuen Markierungspunkt fragen auch wir uns: „Was kann Halt geben, wenn ich in der Luft hänge?“

 

Wir sind dabei fest mit Jeremias Erfahrungen verbunden: Er wie wir sind Menschen, die immer und immer wieder an der Gegenwart mit ihren Herausforderungen und Unwegbarkeiten kämpfen müssen – und doch sind wir auch Menschen, die von einer Hoffnungsperspektive getragen sind: Von Gottes Treue, seiner liebevollen Zuwendung und seiner Verheißung in „Herz“ und „Sinn“ (Jer 31,33).

 

Amen.

 

Lied: EG 325,1.3.4 (Sollt ich meinem Gott nicht singen?)

 

Fürbittengebet

Ewiger und barmherziger Gott,

immer wieder stehen wir in unserem Leben in Zwischenzeiten.
Unsicher, aufgeregt, mutlos und gespannt vor einem neuen Markierungspunkt fragen wir uns, was Halt gibt. Du und dein Wort, ewiger Gott.

 

Lege dich und lege sie auf und um unser Herz.

Den Verzweifelten als Stütze. Den Kranken als Hilfe. Den Traurigen als Trost.

Uns zur Stärkung und zum aktiven Handeln in und an der Welt.

Das bitten wir durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

 Segen

Der Herr segne euch und behüte euch.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

 

Kerze auspusten – Stille

 

 

 

Bild– und Quellenangaben:

Das Bild stammt von Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe und stellt einen Ausschnitt von einem Regenbogen mit Fingerfarben dar.

Das Zitat aus dem Duden findet sich unter Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Zwischenzeit, 21.05.2020, 21.45 Uhr.

Die Liedtitel und Liedausschnitte sind zitiert nach dem Evangelischen Gesangbuch, vgl. Evangelische Landeskirche in Württemberg (Hg.), Evangelisches Gesangbuch. Antwort finden in alten und neuen Liedern, in Texten und Bildern. Ausgabe für die evangelische Landeskirche in Württemberg, Stuttgart 1996.

Der Glanz - Andacht zu Himmelfahrt von Vikar Luca Bähne (Sondelfingen)

Bild: Luca Bähne

Kennen Sie die diebische Elster? In der Fabel heißt es, alles, was funkelt und glitzert, muss sie unbedingt haben; sie kann gar nicht anders. Der Glanz zieht sie irgendwie magisch an.

 

Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sind Elstern nun überhaupt nicht diebisch. Doch eines bleibt wahr: Der Glanz kann eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben.

 

Und der Glanz verrät uns - der Glanz in unseren Augen verrät, dass wir von etwas vollkommen hingerissen sind und völlig eins damit. Wenn die Augen glänzen, kann um uns herum die Welt untergehen und wir sind doch im Glück.

 

Zum Beispiel beim Verliebtsein. Man schaut dem Anderen in die Augen und da ist dieser Glanz, in dem man ganz versinken kann. Und der eigene Herzschlag sagt einem, dass man selber wohl auch diesen Glanz in den Augen hat. Wenn Sie einem Kind am Geburtstag in die Augen schauen, sehen Sie auch diesen Glanz.

 

Immer, wenn man mit sich und mit der Umwelt ganz eins ist, ist da dieser Glanz. Wenn uns etwas zutiefst berührt. Es kann ein neugeborenes Kind sein oder ein gutes Gespräch, das uns diesen Glanz verleiht. Es kann ein Fußballtor sein. Es kann Musik sein, die die Seele berührt. Wenn der Glanz in die Welt kommt und uns strahlen lässt, dann sind wir für einen Augenblick ganz eins mit uns und mit dem Anderen.

 

Ganz anders ist das bei Abschieden. Da sind die Augen matt und müde, vielleicht sehnsuchtsvoll. Man will zu jedem Moment leben, nur nicht in diesem.

So war es sicher auch für die Jünger Jesu, als sie dreimal von ihm Abschied nehmen mussten: Bei seiner Verhaftung, seinem Tod am Kreuz und dann bei der Himmelfahrt.

  

Das muss für die Jünger unendlich schwer gewesen sein. Für uns, als seine Nachfolger in der 200. Generation, ist es nun ganz normal, dass Jesus nicht spürbar und sichtbar bei uns ist. Eigentlich bedeutet Christsein eine lebendige Hoffnung. Jesus nachzufolgen ist in seinem Kern eine innige Beziehung.

Doch eine Beziehung mit einem, der unsichtbar ist, der nicht spürbar ist, den man nicht hören kann? Das ist wohl eher trist und grau und sicher nichts, was uns fürchterlich begeistern könnte und uns Raum und Zeit vergessen lässt. Das scheint erst einmal nichts zu sein, was in uns kindliche Freude erweckt.

 

Wenn der Glanz nicht wäre.

 

Was wäre, wenn das Grau in unserem Leben, das Grau in unsrem Glauben, an höchster Stelle von Bedeutung wäre? Wenn Jesus selbst für uns beten würde?

 

Er tut es! – im Johannesevangelium ist überliefert, wie Jesus für seine Jünger betet – für die Zeit, in der sie auf sich selbst gestellt sein werden in ihrem Leben und Glauben.

Und er betet ganz ausdrücklich "nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden", also für uns, für die Christen:

 

"dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.

Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind,

ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“

 

Hier soll es nur um einen Satz gehen, genauer: um ein Wort.

 

"Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, auf dass sie eins seien."

 

„Herrlichkeit“ klingt zunächst eher abstrakt und nicht gerade nach inniger Einheit. Im griechischen Original steht aber nicht „Herrlichkeit“, sondern hier spricht Jesus von der "doxa" - und das heißt zunächst: Glanz. „Ich habe ihnen meinen Glanz gegeben, auf dass sie eins seien.“

 

Der Glanz, der mich ganz eins macht mit mir und meiner Umwelt. Der Glanz, der mich wieder zum Kind werden lässt, in dem ich versinken kann und bei dem Raum und Zeit keine Rolle spielen. Der Glanz, der uns Christen manchmal strahlen lässt, sodass andere Menschen sich fragen: Wie kann das nur zugehen?

Von diesem Glanz spricht Jesus - und er betet dafür, dass wir diesen Glanz bekommen. Den Glanz Gottes, der unser Herz berührt und unsere Augen leuchten lässt. Den Glanz, der uns ganz eins mit ihm macht und uns, seine Kinder, miteinander verbindet.

 

Den Glanz Gottes in unserem Leben kann man sich nicht durch Übung oder besonders festen Glauben holen.

 

Man bekommt ihn einfach zugesprochen. Jetzt und hier und heute:

Jesus sagt: "ich habe ihnen den Glanz Gottes gegeben".

Das sagt er nicht irgendwem. Das sagt er uns:

 

Der Glanz Gottes ist auch in deinem Leben.

 

Amen.

Gottesdienst am Sonntag Rogate (=Betet), 17. Mai 2020 von Pfarrer Bernd Rexer (Wannweil)

Von Herzen

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Zuhause - Ankommen

Die Glocken läuten. Ich höre und schweige. Lausche und lasse ruhen, womit ich mich beschäftige. Ich bin hier. Gott ist hier. Das genügt.

Ich zünde eine Kerze an und spreche: Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

 

Beten

Gott unser Vater, du gibst uns das Vorrecht, zu beten. Ohne Scheu und voller Vertrauen dürfen wir mit dir reden.

Wir kommen auch heute Morgen zu dir. Wer wir sind und wie wir dran sind, ist kein Hinderungsgrund für dich.

Bei dir ist weiter Raum. Was uns auf dem Herzen liegt, dürfen wir vor dir ausbreiten.

Du hörst uns und handelst in deiner Weisheit und Liebe. Darauf vertrauen wir. Amen.

 

Es ist wunderbar, dass ich dir das jetzt ganz persönlich sagen darf.  (persönliches Gebet)

Danke, dass du mich tröstest, mich hörst und mir gibst, was ich brauche,

lieber Herr und Gott.  Amen.

 

 

BETEN VERÄNDERT

 

Beten verändert.

Nicht alles, nicht sofort,

nicht immer so, wie du es möchtest.

 

Beten verändert.

Auf jeden Fall dich,

deine Perspektive,

denn du traust Gott alles zu.

 

Beten verändert.

Deine Wahrnehmung,

deine Beziehungen, 

deine Zukunft.

 

Beten verändert.

Macht aus dem Beter den Täter,

denn dem Gebet folgt das Tun,

die den Nächsten liebende Hilfe.      (Bernd Rexer 12.5.2020)

 

Lied EG Nr. 618 Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht

 

Predigtgedanken zum Vater Unser:

 

Lesen Sie in der Bibel Matthäus 6,7-13 - Eigene Gedanken?

 

Das Vaterunser, so hat mal jemand gesagt, sei der größte Märtyrer der Welt.

Weil es so viel erlitten hat, dieses Gebet. Und ich denke, da ist was Wahres dran.

Wie oft wird das Vater Unser heruntergesagt, ohne dass das Herz dabei ist?

Dabei ist das Vater Unser eine konzentrierte Anleitung für unser Beten, eine Gebetsschule ohnegleichen.

Jesus hatte die Jünger zur Seite genommen, hatte sie mit der Bergpredigt quasi in ein Glaubensseminar eingeführt.

Zentrale Inhalte des Glaubens wurden verhandelt. Und in der Mitte dieser Nachfolgeschulung,

quasi als Herzstück des Glaubens, entfaltet Jesus, was es heißt, zu beten.

Beten ist ja nicht: Wünsche-aneinander-reihen und Anliegen vor sich hinsagen. 

Nein beim Beten geht es um die Beziehung zum himmlischen Vater.

Deshalb heißt dieses zentrale Gebet ja auch: „Vater Unser“.

Meinem Vater möchte ich meine Sorgen, meine Ängste, alles anvertrauen, was mich bewegt. Ihm darf ich mein Herz ausschütten.

 

 Das mache ich oft mit meinen eigenen Worten. Aber es kann ja sein, dass mir einmal die Worte fehlen.

Das Vater Unser bietet gerade in seiner festen Form die Gewähr, dass ich Worte beten kann, die ich nicht erst suchen muss.

Nein, ich kann mich in sie hineinlegen, sie mir zu Eigen machen, mich in ihnen fest machen.

Jesus zeigt seinen Jüngern und uns, wie wir gemeinsam beten können.

Dieses Lehrgebet Jesu macht deutlich, was wirklich unverzichtbar ist:

Dass Gott in der Mitte steht (Dein Wille geschehe).

Dass wir aus seiner Hand leben (unser tägliches Brot gib uns).

Dass er uns bis zuletzt durchträgt (erlöse uns von dem Bösen).

 

Das Vaterunser ist ein Meistergebet, das alle Gebiete des Lebens umfasst. Es ist ein Gebet für alle Fälle, für alle Zeiten.

Das Vater Unser ist sogar ein Gebet ohne Grenzen, weil es Christen rund um den Globus verbindet.

Ich erinnere mich noch gut an Gottesdienste in Taize in Frankreich, wo junge Christen

aus aller Herren Länder miteinander gesungen und gebetet haben. Es jagt einem Schauer über den Rücken,

wenn 10000 Menschen, die sich sonst nicht verständigen können, miteinander in verschiedenen Sprachen das Vater Unser sprechen.

 

Jesus beginnt das Vaterunser indem er den unvergleichlichen Namen Gottes

in die Mitte rückt. Denn der Lobpreis steht vor allem Bitten!

Wenn ich Gott groß mache, ihn lobe und anbete, mich ihm ganz zuwende,

dann kann ich mich voller Vertrauen auch mit meinen Anliegen an ihn wenden

.

 

Ein letzter Gedanke noch zum Vater Unser!

Manche haben ihre Schwierigkeiten mit dem Vaterbild. Wir kennen Erfahrungen mit autoritären Vätern,

oder wissen um die viel beschäftigten Väter, die kaum Zeit haben.

Manche haben das Bild eines schwachen, entscheidungslosen Vaters vor sich,

oder leiden darunter, dass ihr Vater sich kaum um sie gekümmert hat.

Es wäre nun fatal, würden wir unser Vaterbild auf Gott übertragen.

Das Vaterbild Gottes ist kein Abbild von unseren Vatererfahrungen. Im Gegenteil.

Die Bibel sagt: Schaut auf Gott, wie er uns in Jesus Christus begegnet.

Denken wir nur an die Geschichte vom verlorenen Sohn.

Dort sehen wir den liebenden himmlischen Vater in höchster Konzentration:

Der liebt und vergibt, aufnimmt und mit seinen Armen umschließt.

So ist Gott - solch ein unvergleichlicher, liebender Vater.

 

 

Lied: Bist zu uns wie ein Vater (WwdL+ Nr. 8) 

 

Fürbitten

 

Vater unser.
Du bist unser Vater, dir verdanken wir unser Leben.
Dir sagen wir, worauf wir hoffen, wonach wir uns sehen, wovor wir uns fürchten.

 

Geheiligt werde dein Name.
Wir hoffen darauf, dass deine Liebe die Welt verwandelt.
Verwandle uns, damit wir deine Liebe zeigen.

 

Dein Reich komme.
Wir sehnen uns danach, dass sich Gerechtigkeit und Frieden küssen.
Schaffe deinem Frieden Raum, damit die Sanftmütigen das Erdreich besitzen.

 

Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Wir fürchten uns davor, dass Leid und Krankheit kein Ende haben.
Heile die Kranken und behüte die Leidenden.

 

Unser tägliches Brot gib uns heute.
Nicht nur uns, auch denen, die verzweifelt nach Hilfe rufen,
die vor den Trümmern ihres Lebens stehen und die sich vor der Zukunft fürchten.
Du bist die Quelle des Lebens, verbanne den Hunger.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Öffne unsere harten Herzen für die Vergebung. Öffne die Fäuste der Gewalttäter für die Sanftmut.

Lenke unsere Füße auf den Weg des Friedens.
Versöhne uns und alle Welt.

 

Führe uns nicht in Versuchung.
Dein Wort ist das Leben. Du kannst unsere Herzen verschließen vor Neid, Gier und Hochmut.

Halte uns ab von Hass und Gewalttätigkeit.
Bewahre uns vor den falschen Wegen!

 

Erlöse uns von dem Bösen
Öffne unsere Augen, damit wir das Böse hinter seinen Verkleidungen erkennen.

Lass uns dem Bösen widerstehen und befreie alle, die in der Gewalt des Bösen gefangen sind.

 

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Du rufst uns beim Namen. Du siehst uns - wo wir auch sind,
am Küchentisch, in der Kirchenbank, in unseren Kammern.
Bei dir schweigen Angst und Schmerz. Auf dich hoffen wir heute und alle Tage.

In Jesu Namen vertrauen wir uns dir an.

Amen.

Segen

Hände wie Schale formen und sprechen:

Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.

 

 

Musik / Stille  - Kerze auspusten

Hausgottesdienst zum Sonntag Kantate (10.05.2020) - Singen bewegt!

Gemeinsames Singen

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Die Idee: Gottesdienst zu Hause feiern und trotz Corona mit anderen Gemeindegliedern verbunden sein.

Kerze anzünden                             kurze Stille

Wir feiern in Gottes Namen. Im Namen Gottes, des Vaters, der Quelle unseres Lebens, im Namen Jesu, der unser Leid kennt und im Namen des Heiligen Geistes, der uns trotz Abstand verbindet. Amen

 

Beten                                                 Psalm 98, EG 739: Singt dem Herrn ein neues Lied!

Lebendiger Gott, durch deinen Geist sind wir alle miteinander verbunden. Was uns auf dem Herzen liegt, bringen wir im Gebet vor dich. Unser Glück, aber auch unsere Sorgen. Alles, was uns in der vergangenen Woche bewegt hat und was bevorsteht. Bei dir ist es geborgen, alles Freudige, alles, was wehtut und was wir uns wünschen. Du weißt, an wen wir gerade besonders denke. Stärke uns durch deinen Geist und lass uns in der kommenden Woche besonders deine Nähe spüren. Amen

 

Lied: EG, 302: Du meine Seele, singe

 

Gedanken zum Wochenspruch

"Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder." (Ps 98,1)

Singen Sie gerne? Wann ist Ihnen zum Singen zumute?

Und wie ist das mit dem Singen in Corona-Zeiten? Ich bin ganz begeistert, was es da alles so gibt: Eine Freundin von mir probt regelmäßig online mit ihrem Chor, es gibt Onlinekonzerte und digitalen Musikunterricht. Allerdings muss ich zugegeben, dass ich weder in einem Chor singe, noch ein Onlinekonzert geschaut habe und das Mitsingen beim Fernsehgottesdienst fühlt sich zwar gut, aber doch auch fremd an. In diesen Wochen beginnen viele Gemeinden wieder damit auch Präsenzgottesdienste zu feiern und das freut mich sehr. Doch singen können wir leider nicht. Die Gefahr ist zu groß, dass sich dabei Krankheitserreger ungewollt verbreiten. Wie wird es wohl sein Gottesdienste ohne Gesang zu feiern? Auch bei Trauerfeiern wünschen die Angehörigen hin und wieder, dass nicht gesungen wird. „Wir singen nicht so gut“, sagen sie dann. Ich ermutige sie trotzdem, dass gesungen wird und das klappt auch sehr gut. Selbst wenn die Angehörigen in dem Moment selbst nicht singen können, so werden sie doch berührt durch den Gesang; die anderen singen für sie. Singen bewegt und berührt uns. Das erlebe ich nicht nur auf Trauerfeiern oder bei Chor- oder Gospelchorkonzerten in unseren Kirchen im vergangenen Jahr, an die ich mich sehr gut erinnere. Auch im Pflegeheim in meiner alten Gemeinde habe ich das immer wieder erlebt. Es hat mich zunächst etwas Überwindung gekostet, in einem Zimmer - womöglich noch mit einer anderen Mitbewohnerin - für und mit einem alten Menschen zu singen, doch es war wohltuend. Auch das geht im Moment nicht. Doch ich denke, dass der der Psalm 98 und der Sonntag Kantate uns ermutigen will, mehr zu singen. Übrigens heißt Kantate übersetzt: Singt! Im Gesang wie im Gebet können wir alles vor Gott bringen, das Gesangbuch ist voller Lieder, die ganz unterschiedliche menschliche Lebenslagen kennen: Freude, Dank, Bitte, Klage, Lob und Trauer. Singen bewegt uns, es kann uns auf Gott ausrichten und unsere Gefühle zum Ausdruck bringen.

Ich gebe zu, dass ich eher selten allein singe. Wenn ich singe, dann mit meiner Familie, sehr gerne natürlich in der Kirche oder ein Gute-Nacht-Lied für mein Kind. Manches geht im Moment allerdings nicht. Daher denke ich auch, dass es gut ist, dass der heutige Sonntag uns ermutigt mehr zu singen. Warum sollte ich nicht allein singen? Warum sollten Gute-Nacht-Lieder nur etwas für kleine Kinder sein?

Gott gibt uns genügend Gründe zu singen. In einem modernen Lied heißt es zu Gott: Von deiner Güte will ich immer singen, zehntausend Gründe gibst du mir dafür (Komm, und lobe denn Herrn, Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder+, Nr. 169).

Genau das sagt uns der Wochenspruch. Darum: Singt! Denn Singen bewegt.

Amen

 

Lied: Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben. Die Töne, den Klang hast du mir gegeben. (Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder, Nr. 56)

 

Fürbitten: Gütiger Gott, dieser Tag erinnert uns dir zu singen. Er erinnert uns an all die Gründe, die wir zum Singen haben. Ermutige uns auch in diesen ungewöhnlichen Zeiten zu singen.

Wir bitten dich heute besonders für alle, die helfend anderen zur Seite stehen: Für alle Ärztinnen und Pfleger, für alle, die das tägliche Leben am Laufen halten. Wir bitten dich für alle, die in diesen Tagen Hilfe brauchen: Für Kranke, Einsame und Trauernde und alle, die die gegenwärtige Situation belastet. Steh ihnen und uns bei und mach uns deiner gütigen Zuwendung gewiss. Alles, was uns sonst noch am Herzen liegt, legen wir Dir ans Herz, wenn wir mit Jesu Worten beten: Vaterunser….

Segen

Hände wie eine Schale formen und sprechen: „Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.“

Musik / Stille - Kerze auspusten

von Pfarrerin Inga Kaltschnee (Sickenhausen)

Andacht zum 06.05.2020

Bild: Dorothee Beer

 

Wochenspruch: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ 2. Kor 5,17

 

Die Worte alt und neu springen mir bei diesem Wochenspruch ins Auge. Ich denke: momentan habe ich ein wenig die Lust am Neuen verloren. Was mich sonst fasziniert und freut, fängt an, mich anzustrengen. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich, und Sie sehnen sich gerade jetzt das Alte, Gewohnte herbei.

Vorherrschend sind momentan die Rede von den neuen Medien, neue Regeln zum Zusammenleben, immer wieder neue Vorgaben. Kein vertrauter Gottesdienst in alter Form. Gerade jetzt zeigt sich wohl, wie sehr wir auch Gewohnheitstiere sind.

 „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Wenn ich nochmals genau hinschaue, dann ist in diesem Bibelvers von einem ganz besonderen Neu-Werden die Rede. Nicht nur der Frühling, nicht nur ein neuer Anfang. Sondern ein Anfang IN CHRISTUS.

Das bedeutet: wir selbst werden erneuert durch den Glauben an Jesus Christus. An denjenigen, der von sich selbst sagt: „Ich bin das Leben.“ Wir werden durch ihn verwandelt. Im Zusammenhang des zweiten Korintherbriefs, aus dem der Text stammt, ist die Rede von der Versöhnung mit Gott. Die Hoffnung zielt über das irdische Leben hinaus auf eine Verwandlung zu einem neuen Leben mit Gott. Neues Leben, neuer Kraft und Mut können entstehen, wenn wir uns auf den konzentrieren, der das Leben ist.

Das bedeutet für mich ganz konkret in meinem Alltag: ich kann Abstand gewinnen von dem, was mich in Atem hält. Abstand gewinnen von den Gedanken der Enge und des Abgeschnittenseins in unserer momentanen Gesellschaft. Kraft gewinnen durch die Verheißung, dass die Liebe diese Grenzen übersteigt. Wir sehen das an kleinen Zeichen der Hilfe und Verbundenheit. Das Mitdenken für den anderen und einander Helfen. Und ich denke wir spüren in diesen Wochen noch einmal ganz neu, was Gemeinschaft uns bedeutet.

Ein Hoffnungslicht war für mich der Ostermorgen. Einige Bläserklänge waren zu hören, es begegneten sich unterwegs eine Handvoll Menschen, die den Kirchenraum aufsuchten, um das brennende Osterlicht zu sehen. Es gab Osterkerzen, um dieses Osterlicht mitzunehmen. Ganz behutsam kamen die Menschen damit aus der Kirche, um die zarte Flamme zu schützen. Es war eine Vorsicht zu spüren und zugleich ein gewisses „Trotzdem“ an diesem Morgen.

Was für mich dieses „Trotzdem“ ausmacht: die Ahnung davon, dass die Hoffnung über dieses Leben und über unseren gegenwärtigen Alltag hinausweist. Die Ahnung davon, dass wir miteinander herzlich verbunden sind. Die Ahnung davon, dass Gott mit uns unterwegs ist und unter uns Gemeinschaft stiften will.

Wenn wir mit diesem Blick für die kleinen Funken der Hoffnung unterwegs sind, dann ist das vielleicht ein neuer Anfang. Ein kleines Licht, schützenswert. Eine Spur Gottes in unserem Leben. Er will uns neu machen. Gott schenke uns den dankbaren Blick für diese kleinen Hoffnungsfunken.

„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Amen.

Ihre Pfarrerin Dorothee Beer, Altenburg

Gottesdienst zum Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020 von Pfarrer Bernd Rexer

Zuhause - Ankommen

Die Glocken läuten. Ich höre und schweige. Lausche und lasse ruhen, womit ich mich beschäftige. Ich bin hier. Gott ist hier. Das genügt.

Ich zünde eine Kerze an und spreche: Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

 Beten

Herr Jesus Christus, du begleitest mich an jedem Tag. Auch in diesen Tagen der Ungewissheit und mancher Sorgen. Heute kommst du mir besonders nahe. Du interessierst dich dafür, wie es mir gerade geht, was mich bedrückt oder beglückt. Es ist wunderbar, dass ich dir das jetzt ganz persönlich sagen darf.  (persönliches Gebet)

Danke, dass du bei mir bist und mich hörst. Amen.

 

 

Lied: Herr, ich komme zu dir (WwdL+51)

 

Predigtgedanken:

Lesen Sie in der Bibel Johannes 15,1-5 -Eigene Gedanken?

 

Jesus sagt:

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Johannes 15,5

 

Was für ein Versprechen gibt uns Jesus hier? Dass wir mit ihm kein fruchtloses, verschenktes Leben führen. Sondern ein Leben, das erfüllt ist, voll bester Gaben und Möglichkeiten.

Solch eine Zusage tut gut in einer Zeit, in der so viele Sorgen belasten. In der die Unsicherheit anhält. Und keiner so recht weiß, wie es weitergeht. In der sich viele fragen: Wie soll es nachher bei mir weitergehen? Wofür möchte ich meine Lebenszeit nützen? Hat das, was ich tue einen bleibenden Wert?

Liebe Gemeinde, in diesen fünf Versen  ist 5 mal von der „FRUCHT“ die Rede. Geistlich gesehen geht es im Leben nicht um Erfolge. Oder eine Leistungsschau. Sondern um Frucht. Frucht ist etwas, wovon andere was haben. Woran sich Mitmenschen freuen können. Frucht ist das, was bleibt, wenn ich hier die Augen zu mache. Das, was auch im Himmel noch zählt.

Was sind solche Früchte?

Paulus nennt im Galaterbrief FRÜCHTE DES GEISTES.  (Galater 5, 22f).

Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Große Schlagworte! Doch wie kann das konkret aussehen?  Zum Beispiel:

Dass ich mich einem traurigen Mitmenschen zuwende, ihm zuhöre und mein Mitgefühl zeige. Mich einsetze für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Indem ich für andere bete.  Oder spende für Menschen in Not.

Dass ich mein musikalisches Talent mit anderen teile. Oder von meiner Glaubenshoffnung erzähle. Da gibt es ja zurzeit unzählige Möglichkeiten. Und es ist wunderbar zu sehen, wie viele das neu für sich entdecken.

 

Wie geht das denn mit dem FRUCHTBRINGEN?

Muss ich mich zwanghaft anstrengen, gute Frucht zu bringen? Um ja nicht Gottes Gartenschere zum Opfer zu fallen? Jesu Antwort ist klar: Ihr könnt es nicht, und ihr müsst es nicht! Die Rebe, die fest mit dem Weinstock verbunden ist, bringt automatisch Frucht! Sie erhält alles, was dazu notwendig ist, vom Weinstock. Damit klingen Jesu Worte nicht mehr bedrohlich, sondern ermutigend: Keine Sorge. Bleib einfach an mir dran, und du darfst Früchte des Geistes sehen!

 

Ein letzter Gedanke noch: Anders als bei vielen sonstigen Obstbäumen reifen an einer Rebe nicht einzelne Früchte, sondern TRAUBEN. Trauben, die aus vielen einzelnen Beeren bestehen. Für mich ist dies ein schönes Zeichen:  Trauben entfalten ihre ganze Schönheit erst in der Fülle der Beeren. Das Bild vom Weinstock und den Reben ist ein starkes Plädoyer für die christliche GEMEINDE. Jesus hat keine Einzelkämpfer, keine Solo-Christen gerufen, sondern eine ganze Gemeinschaft von Jesusnachfolgern. Die Traube ist ein Bild für die christliche Gemeinde. Deshalb: halte die Verbindung, bleib dran! An Jesus - und an seiner Gemeinde. Und erlebe ein spannendes, nicht immer leichtes, aber auf jeden Fall ein fruchtbares Leben. Am DRANBLEIBEN hängt es. Dranbleiben an Jesus bringt es!

Amen.

 

 

Lied EG 576 Meine Hoffnung und meine Freude

 

Fürbitten

Wir danken Dir, Herr Jesus, für die erwachende Natur,

für alles was wächst und grünt und blüht und Frucht bringen wird.

Wir danken Dir für die Sonne und den Regen und die Erde, die es wachsen lassen.

Wir bitten Dich auch um ein geistliches Erwachen, dass Dein Leben unter uns wächst und grünt und aufblüht und vor allem Frucht bringt.

Wir bitten um das Licht und den Regen Deines Geistes, und dass Du unseren Herzensboden so bearbeitest und lockerst und düngst, dass der gute Same Deines Wortes in uns aufgeht.

Du weißt um alle Herausforderungen, die in dieser Woche auf uns zukommen. Du kennst die offenen Fragen, die uns beschäftigen und eine Antwort verlangen. Leite uns durch deinen Geist und lass uns dann mutige Schritte tun.

Alles, was uns sonst noch am Herzen liegt, legen wir Dir ans Herz indem wir beten: Vaterunser ….

 

Segen

Hände wie Schale formen und sprechen:

Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.

 

 

Musik / Stille  - Kerze auspusten

Andacht zum 29.04.2020

Psalm 103, 8-11:  Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte. 9 Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. 10 Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. 11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

 

Sie kennen alle die innere Stimme, die sagt: "Das lasse ich mir nicht gefallen!" Sie kennen ebenso wie ich die Faust, die sich vor Ärger ballen möchte. Wir spüren alle das Herz, das kalt und hart wird, weil da jemand uns verletzt hat. Wir sehen vor Augen auch die Menschen, denen wir nicht mehr ungeschminkt ins Gesicht schauen können. Und wir fühlen die 'gläsernen Mauern', die uns von­einander trennen.

 

Freilich, wie befreiend ist es, wenn sich eine Tür mitten in die­ser gläsernen Mauer zwischen 'Du' und 'Du' auftut. Folgende Begeg­nung war für mich ein Schlüsselerlebnis: Mit Schülern besuchte ich die ehemalige Synagoge in Freudental. Der jüdische Professor Berlinger, ehemals dort Lehrer zu Anfang des Dritten Reiches, er­zählte uns in anregender Weise von den Besonderheiten des jüdischen Glau­bens. Seine Sprache klang wie einst, als er vor den Gaskammern flüchten musste. Dennoch war sie ohne Hass und ohne bitteren Unterton. Darum wollte ich wissen, was er empfinde, wenn er nach Jahrzehnten wieder in Deutschland sei und mit deutschen Jugendlichen rede. Für einen Augenblick verstummte sein Mund, doch sein freundliches Lächeln erstarrte nicht. Bedacht öff­nete er seine Lippen. Wer mag erahnen, welche unauslöschlichen Bilder der Erinnerung in diesem Augenblick in ihm vorüberzogen. Doch er hob nicht an zu einer verbitterten Abrechnung oder zu ei­ner Erklärung.

 

Nein, eine Geschichte erzählte er, in der für ihn die bitteren Er­fahrungen aufgehoben sind und Frieden gefunden haben. Es ist die Geschichte von einem Rabbi und dessen Sohn. Dieser hat seinen Va­ter bis auf's Blut geärgerte. Schließlich sagt der Vater: Bei je­der Flegelei wird ein Nagel in den Holzrahmen der Tür eingeschla­gen. Es dauerte nicht lange, bis durch die Untaten des lausigen Bengels die Türe mit Nägeln übersät war. Da wurde selbst dem un­flätigen Bösewicht bange. Er bat den Vater, bei jeder Liebenswür­digkeit einen Nagel herauszuziehen. Welch Wunder: es dauerte nicht lange, da waren alle Nägel verschwunden und der Lausebengel kaum mehr wiederzuerkennen. Doch - so fügte er bedacht hinzu - die Spu­ren bleiben! In diesen nüchternen Worten kam Versöhnung zum Klin­gen. Sie war wie ein befreiender Hauch, wie Lebensodem.

 

In diesem Augenblick konnte ich nicht anders als an die Spuren der Liebe Gottes denken, die auch Nägel hinterlassen haben. Ich dachte an das Kreuz Jesu und an die Liebe Gottes, die sich hilflos fest­nageln ließ. Doch im Unterschied zu jener Geschichte wird hier klar: Als Gottes missratene und entfremdete Söhne und Töchter müs­sen wir nicht brav und fromm die Nägel der Schuld rückgängig ma­chen. Denn Gott selbst hat in Jesus Christus die 'gläserne Mauer' durchbrochen und eine Türe zur Freiheit geöffnet. Gehen wir durch diese Tür von 'Du' zu 'Du', frei nach der Weisung des Apostels Paulus: "Vergeltet nicht Böses mit Bösem, sondern überwindet das Böse mit Gutem."

 

Mit freundlichen Grüßen, Ihr Jörg Schweizer, Pfarrer in Degerschlacht

 

Gottesdienst am Hirtensonntag, Misericordias Domini, 26. April 2020 Pfarrerin Beate Ellenberger

Bild: Susanne Enders-Jazvec

Zuhause - Ankommen

Die Glocken läuten. Ich höre und schweige. Lausche und lasse ruhen, womit ich mich beschäftige. Ich bin hier. Gott ist hier. Das genügt.

Ich zünde eine Kerze an und spreche: Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Beten

Lieber Gott, jeder ist bei sich zuhause. Und doch sind wir alle durch deinen Geist miteinander verbunden. Ich bringe dir im Gebet, was ich auf dem Herzen habe. Was mich schmerzt, was mich freut. Und an wen ich jetzt gerade besonders denke. (Stille) Sei du bei uns. Amen.

 

Lied EG 100 Wir wollen alle fröhlich sein

in dieser österlichen Zeit: denn unser Heil hat Gott bereit.

Es ist erstanden Jesus Christ, der an dem Kreuz gestorben ist, dem sei Lob, Ehr zu aller Frist.

Er hat zerstört der Höllen Pfort, die Seinen all herausgeführt und uns erlöst vom ewgen Tod.

Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.

 

Predigtgedanken: Lesen Sie in der Bibel 1. Petrus 2,21b -25 – Eigene Gedanken?

Liebe Leserin, lieber Leser,

ist da jemand, der Ihnen einmal am Tag freundlich ins Gesicht schaut – und wenn es im Spiegel ist? Ist da jemand, mit dem Sie reden können? Ist da jemand, der Ihnen „Danke“ sagt für… was auch immer? Ist da jemand, der Ihnen die Sorgen von den Schultern streicht? Ist da jemand, der Ihnen Mut macht? Jemand, der für Sie betet? Die Ihnen einen Rosinenkuchen bäckt? Ist da jemand? So heißt der Song eines Musikers, er heißt Adel Tawil. Das Lied habe ich zum ersten Mal beim KonfiCamp gehört. Drei junge Frauen sangen berührend schön mehrstimmig zur Gitarre. Wir Mitarbeitenden saßen dicht an dicht im großen Saal der Dobelmühle bei der Morgenrunde mit einer ersten Tasse Kaffee in der Hand auf dem Boden. Gänsehautstimmung im Raum.

Tawil fragt in seinem Lied in verschiedene Richtungen, ob da jemand ist – der mein Herz versteht und der mit mir bis ans Ende geht. Er fragt nach jemandem, der mir die Schatten von der Seele nimmt und mich sicher nach Hause bringt. Und dann die Frage aller Fragen: ob da jemand ist, der mich wirklich braucht. Ist da jemand?

Jetzt, wo unsere Kontakte so reduziert sind, sind wir viel mehr auf uns selbst gestellt. Jede und jeder von uns braucht andere und braucht es, von anderen gebraucht zu werden. Manch eine*r fragt sich: ist jemand da für mich?

Doch, da ist jemand. Vielleicht nicht immer so, wie man es erwartet hätte.

Doch, jemand ist für dich da. Gott ist da. Für dich. Und jede*r hat eine*n Nächste*n. Wir können nacheinander gucken. Wir können uns Gott und unseren Mitmenschen anvertrauen: bitte sei für mich da. Und wir selbst können zu anderen sagen: ich bin jemand, der für dich da ist. Heute ist der Hirtensonntag. Hirte und Schafe gehören zusammen wie Lehrer*in und Schulklasse, wie Pfarrer*in und Gemeinde, wie Trainer*in und Fußballmannschaft. Wie Politiker*innen und Bürger*innen. Wie wir alle in diesen Corona-Zeiten füreinander wie Hirten und Schafe sind. Denn wir müssen aufeinander achten und uns solidarisch verhalten – um aller willen.

Solche Beziehungen vom Hirten und seiner Herde basieren auf Vertrauen, das sich herleitet aus Fürsorge und Macht. Darum können sie auch bitter enttäuscht werden. Es gibt den Wolf im Schafspelz und den im Hirtengewand.

Ist da jemand? Diese Frage begleitet uns unser Leben lang. Von Kind an. Und die Erfahrung dazu: Da ist jemand, die mich beschützt und sich um mich kümmert, wenn es mir schlecht geht. Da ist jemand, der da ist und mich nicht im Stich lässt. Wenn ich mich verirrt und im Gestrüpp meines Lebens verheddert habe, dann ist da eine oder einer, der mich der mich zurückbringt.

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Amen.

 

Lied EG 316

Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet, der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet. In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!

 

Fürbitten

Barmherziger Gott, Du bist der gute Hirte von uns allen. Und unschuldiges Lamm zugleich. Du leidest für uns und schenkst uns das Leben. Hilf uns dabei, nicht aufzugeben und auch in den Leiden unserer Tage durchzuhalten. Du leidest mit uns. Wir erinnern dich an Dein Versprechen, dass Du uns Gerechtigkeit schenkst. Und wir bitten Dich um Regen für das Erdreich, in dem das wächst, was uns nährt. Alles, was uns sonst noch am Herzen liegt, legen wir Dir ans Herz, wenn wir mit Jesu Worten beten: Vaterunser ….

 

Segen

Hände wie Schale formen und sprechen:

Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.

 

 

Musik / Stille  - Kerze auspusten

Bild: Beate Ellenberger

Kann Rosinenkuchen Leben retten? von Pfarrerin Inga Kaltschnee (Sickenhausen)

Es gibt eine biblische Geschichte, in der so etwas passiert. Es ist die Geschichte einer weitsichtigen und klugen Frau: Abigajil.

Abigajil war eine wahre Krisenmanagerin und das bereits zu alttestamentlichen Zeiten (nachzulesen in 1. Sam 25).

Zur Zeit der Schafschur gibt ihr Mann Nabal ein großes Fest und da möchte David einen Anteil davon haben, denn die Hirten der beiden waren immer friedlich zusammen gewesen und Davids Hirten haben die Hirten von Nabal wohl auch beschützt. Nabal aber, der später auch als Narr bezeichnet wird, tut das einfach ab. „Wieso sollte ich etwas geben von dem, was ich habe?“, denkt er sich; selbst wenn es auf dem Rücken anderer Menschen erwirtschaftet wurde. Und so denkt er nicht weiter darüber nach, während David wütend wird und in den Krieg gegen Nabel ziehen will. Abigajil allerdings bekommt Wind davon und überlegt nicht lange, sie versucht auch nicht ihren närrischen Mann zu überreden, sondern handelt einfach. Sie sieht, dass sie gebraucht wird und handelt klug. In der Bibel steht: „Da eilte Abigajil und nahm zweihundert Brote und zwei Krüge Wein und fünf zubereitete Schafe und fünf Scheffel Röstkorn und hundert Rosinenkuchen und zweihundert Feigenkuchen und lud alles auf Esel.“ Und mit all diesen Dingen eilt sie David entgegen. David kommt mit 400 bewaffneten Männern, aber Abigajil schafft es ihn mit all diesen Dingen und ihrer Klugheit zu besänftigen. Kein Krieg bricht aus, kein Blut wird vergossen.

Später bedankt sich David bei Abigajil. Er lobt und dank auch Gott, dass er ihr Abigajil gesendet hat, die ihn vor einer unbedachten Tat abgehalten hat. Er sieht in ihr eine Art Engel, eine Botin Gottes.

 

Ich bin froh, dass es in diesen Tagen so intelligente Menschen gibt wie Abigajil. Menschen, die besonnen und vorausschauend handeln. Wir werden nicht durch vierhundert bewaffnete Männer bedroht, die Nabal nicht mal sieht oder nicht sehen will. Vor uns steht ein Virus, der so unsichtbar ist, dass es die Gefahr gibt, dass wir ihn im Alltag vergessen. Und in diesen ungewöhnlichen Tagen gibt es, Gott sei Dank, auch Menschen, die uns mit Essen versorgen und dabei -so wie Abigajil- eine gewisse Gefahr eingehen. Dafür bin ich dankbar, ebenso wie dafür, dass es Menschen gibt, die aneinander denken, so wie meine Nachbarin, die uns zu Ostern einen Rosinenhefehasen vor die Türe gelegt hat. Rosinenkuchen kann also nicht nur Leben retten, sondern auch Freude verbreiten.

 

Die Geschichte von Abigajil beschreibt ein großes Wunder, wie Frieden in unsicheren Zeiten gestiftet wurde; ich wünsche Ihnen, dass Sie in diesen Tagen solche Wunder immer wieder im Kleinen erleben, erkennen und wie David Gott dafür danken und loben können.

Bleiben Sie gesegnet und behütet,

Ihre Inga Kaltschnee

 

Hebt Eure Augen in die Höhe - Hausgottesdienst zum Sonntag, 19. April 2020 von Pfr. Thomas Soffner

Die Idee: Vielleicht bin ich allein zu Hause oder nur mit ein oder zwei anderen zusammen. Aber andere feiern zu Hause denselben Gottesdienst, und das verbindet uns, auch wenn wir uns dabei nicht sehen und hören können.

Eingangswort

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet

Gott, Schöpfer von Himmel und Erde, du hast Jesus von den Toten auferweckt. Du gibst uns neue Hoffnung. Du machst uns zu neuen Menschen. Steck uns an mit dem Lachen des Lebens über den Tod und weck in uns die Vorfreude auf den Tag, an dem sich alle Hoffnung vollendet. Amen.

Lied: Er ist erstanden, Halleluja (EG 116,1.2.5)

Jesaja 40,26-31 und Gedanken dazu

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Das Jesajabuch ist ein Sammelwerk. Der Prophet, der hier spricht, lebte kurz vor dem Untergang des Babylonischen Reiches. Er sah ihn kommen. Er spricht die Juden, die vor einigen Jahrzehnten nach Babylonien verschleppt worden waren an. „Bald können wir zurückkehren. Bereitet Euch darauf vor.“ Viele waren von der Idee nicht begeistert. Es ging ihnen inzwischen gar nicht so schlecht in Babylonien. Warum alles wieder aufs Spiel setzen? Man kann sich die Diskussionen vorstellen: "Warum zurückgehen, alles zurücklassen?" Die meisten waren ja schon hier geboren, kannten nichts anderes. "Weil Israel das Land ist, das Gott uns gegeben hat. Da gehören wir hin." "Ach ja? So wichtig war das ihm ja wohl nicht. Sonst hätte er uns ja gleich die Babylonier vom Hals halten können. Woher sollen wir eigentlich wissen, dass ihn interessiert, was mit uns geschieht? Und wenn wir uns darauf einlassen würden. Könnte er uns wirklich helfen? Greift er überhaupt so in die Welt ein?“

Hoffen auf Gott ist nicht selbstverständlich. Immer wieder passt das Leben, so wie es läuft, passt die Welt, wie sie ist, nicht zu dem, was man von Gott erwarten sollte. Was anfangen mit dem großen Versprechen, die in seinem Namen gemacht werden und die noch nicht erfüllt sind? Kann man die in seine Lebensplanung einbeziehen? Was kann man von Gott im Alltag erwarten? „Sein Verstand ist unerforschlich.“ sagt Jesaja und damit will er Gott loben. Aber darunter kann man auch leiden, dass man nicht versteht, was Gott in der Welt tut oder geschehen lässt. So wenig versteht, dass man nicht mehr weiß, was man von ihm erwarten soll.

Man kann darüber müde und matt werden. Froh, wenn man seine Ruhe hat, sein bisschen Glück und Sicherheit ängstlich behüten. Oder in seinem Unglück versinken, als könnte es nie mehr anders werden. Das kann jedem passieren, sagt Jesaja, auch den Stärksten.“

„Aber die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft.“ Wenn Gott weit weg scheint, ohne Bezug zu Eurem Alltag, wenn Eure Probleme an ihm vorbei zu gehen scheinen, wartet ab, wartet auf ihn. Dann findet ihr auch wieder Kraft für den nächsten Schritt, der jetzt nötig ist und möglich ist. Dann wächst Euch die Lage nicht über den Kopf.

Jesaja lädt die Zweifelnden ein, den Himmel anzusehen, die Menge der Sterne, die sich alle auf festen Bahnen bewegen. Der Gott, der diese Ordnung geschaffen hat und bewahrt, der lässt auch Euch nicht im Chaos untergehen. Wir haben vor einer Woche Ostern gefeiert. Der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, hat für uns eine Zukunft über alles hinaus, was uns auf der Erde passieren kann. Das kann niemand dem Zweifelnden und Müden und Matten beweisen. Aber die Zweifelnden und Überforderten können sich fragen: Wenn es wahr ist, was dann? Was kann ich dann erwarten? Was kann ich und soll ich dann vielleicht auch tun? Wie sieht dann die Welt aus? Warum nicht einmal so tun, als sei mit Gott alles klar, und sehen, wo es einen hinführt; ob Gott sich nicht doch rührt?

„Die auf den Herren harren“. Glauben hat sehr viel mit hoffen und warten zu tun. Hoffen, dass Gott da ist, warten, dass er sich zeigt und sich bei allen Zweifeln und aller Müdigkeit von diesem Hoffen und Warten bewegen zu lassen. Leben, als ob … Man glaubt nicht nur, wenn einem alles klar ist. Und man kann nicht nur auf Gott hoffen, wenn man keine Zweifel kennt.

„Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft“, verspricht Jesaja, sie können leben und den nächsten Schritt tun. Wohin es sie führt, wird sich zeigen. Gott wird sie dahin bringen, wo er sie haben will; und dort wird es gut sein.

Lied: Meinem Gott gehört die Welt (EG 408)

Fürbitten

Gott, wir bitten:
Stärke unseren Glauben auch gegen den Augenschein. Steh uns bei, das wir bei Problemen und Enttäuschungen nicht verzweifeln. Schenke uns den Mut, die Hand zur Versöhnung zu reichen und Neuanfänge zu wagen.

Lass so die Menschen in der ganzen Welt aufeinander zugehen, die verfeindeten Gruppen und Parteien, die Armen und die Reichen. Gib den Tyrannen und Ungerechten die Kraft zur Umkehr.

Zeige denen, deren Zukunft in diesen Tagen ungewiss geworden ist, wie es weitergehen kann für sie. Gib ihnen die Kraft die Unsicherheit auszuhalten und zu sehen, was sie tun können. Lass sie die Hilfe finden, die sie brauchen.

Bewahre uns alle in diesen Pandemie-Zeiten und lass sie nicht länger dauern, als wir ertragen können.

Vaterunser

Segen

Es segne und behüte uns der Allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.

Andacht zum 15.04.2020

Liebe Leserin, lieber Leser!

 

Ein ganz besonderes Osterfest liegt hinter uns.

Keine Besuche. Keine Gottesdienste in unseren Kirchen. Keine Reisen.

Keine, keine, keine … - doch ist das das einzige, was wir über dieses Osterfest sagen können?

Was haben Sie in diesem Jahr an Ostern genossen?

Einen Anruf? Einen ruhigen Spaziergang im Sonnenschein?  Einen Gottesdienst im Fernsehen oder auf der Homepage Ihrer Kirchengemeinde? Musik? Leckeres Essen?

Und vielleicht ging es Ihnen auch so wie mir:

Mich hat in diesem Jahr die Osterbotschaft ganz neu berührt:

Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.

Christus lebt. Er ist da. Er ist für uns da.

Das Kirchenfenster in der Johanneskirche zeigt den Auferstandenen als Weltenrichter.

Segnend breitet er seine Arme über den Menschen aus.

Die Wundmale an seinen Händen zeigen uns: Christus hat am eigenen Leib erfahren, wie furchtbar es zugehen kann auf der Welt. Er kennt die Not der Welt. Er kennt auch Ihre Not.

Sein ernster Blick drückt aus: Auch im Himmel geht Christus das Leiden der Welt zu Herzen.

Christi Arme sind ausgebreitet über den Menschen. Er segnet uns.

Unter seinem Segen können wir leben! Mit seinem Segen können wir auch sterben.

Sein Segen trägt uns im Leben und im Sterben.

Mit seinem Segen können wir die Fülle des Lebens ausschöpfen.

Freuen wir uns an jedem Morgen neu über den Tag, der so groß und  weit vor uns liegt.

Christi Segen trägt uns auch im Sterben, wenn wir heim kehren zu ihm.

Wie gut, dass ich leben darf!

Und wie gut, dass mein Leben mit all seiner Freude und auch mit allem Schweren eingebunden ist Gottes Ewigkeit.

Das Ziel unseres Lebens ist Gottes Ewigkeit. Christus führt uns hinein. Dafür hat er gelebt, ist er gestorben und auferstanden: Er schenkt uns das Leben in Zeit und Ewigkeit.

Ich wünsche Ihnen Osterfreude voller Zutrauen auf den Auferstandenen.

Waltraud Mohl

Wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Ihnen

Liebe Gemeinde am PC,

Der Ostermontag war in meinem Kalender ein wichtiger Tag: Mein erster Ostergottesdienst im Rahmen meiner Ausbildung zur Prädikantin.

Lange hatte ich am Predigttext gefeilt und vor dem Spiegel geübt.

Meine Eltern und meine Cousine mit Familie wollten kommen – erst zum festlichen Gottesdienst und dann zum gemeinsamen Essen und Feiern.

Nun ist es Ostermontag und ich stehe nicht auf der Kanzel. Der Gottesdienst ist abgesagt.

Das Familienfest kann wegen Corona ebenfalls nicht stattfinden.

Ich werde im Job im Altenheim einspringen und werde innerlich zerrissen sein.

Nie war unser Team der Therapeutisch Aktivierenden Dienste als Ansprechpartner bei den Heimbewohnern mehr gefragt, die seit Wochen absolutes Besuchsverbot haben.

Aber jeder Therapeut und jeder Pfleger hat Angst, dass er es ist, der den Virus vielleicht eines Tages  ins Heim bringt.

Die Bewohner sind dankbar für unsere gemeinsamen Aktivierungsstunden. Aber die Angst und Sorge um die Bewohner sind immer in meinem Hinterkopf präsent.

Und jetzt sollen wir, liebe Gemeinde am PC, wirklich Ostern feiern? Ohne Besuche, ohne Feste und Ausflüge. Und ohne Gottesdienste.

 Das Leben und die Auferstehung feiern - im Angesicht der Krankheit, des Todes und der Angst?

Irgendwie ist mir nicht zum Jubeln zumute.

Und wo ist Jesus, der Auferstandene, überhaupt in dieser verrückten Zeit?

Irgendwie gefühlt weit weg - so empfinde ich es zumindest in diesen Minuten.

 

Liebe Gemeinde, diese Frage ist hochaktuell und uralt zugleich:

Vor über 2000 Jahren versteckten sich die Jünger auch in ihren Häusern. Voller Angst gefasst zu werden, weil sie zu den Anhängern Jesu gehörten.

Und wo war Jesus in dieser verrückten Zeit? Er starb, am Kreuz. Jesus war tot.

Jesus, der in diese Welt kam um die Liebe Gottes unter die Menschen zu bringen.

Der sich für Frieden eingesetzt hatte, für Gerechtigkeit, für den die Liebe das höchste aller Gebote war. Die Liebe zu Gott und zu seinem Nächsten. 

Tausende Menschen hat er mit seiner Botschaft berührt und ermutigt. Jesus hat die Herzen der Menschen wieder zum Leben erweckt.

Das war den Mächtigen mehr als ein Dorn im Auge und so wurde er wie ein Verbrecher hingerichtet.

Die frohe Botschaft – sie war verstummt. Bei den Jüngern blieb eine große Leere zurück – und ein Gefühl der Resignation und der Angst.

Der Traum mit Jesus, der Traum von einer besseren Zukunft, der Traum vom Reich Gottes – dieser Traum  war ausgeträumt. Für immer ausgeträumt?

Aber dann, liebe Gemeinde, passierte etwas Außergewöhnliches. Die Jünger, die voller Angst in ihren Häusern versteckt um Jesus trauerten, gingen wieder raus. Raus ins Leben.

Sie verkündeten die frohe Botschaft wieder – mitten in einer zerrissenen Welt voller Leid und Angst. Wie kam es dazu?

Die Jünger hatten eine Begegnung, die Alles veränderte:

Jesus ist den Jüngern erschienen – eindrücklich beschrieben in Lukas 24,Vers 36-45 (Der Bibeltext kann durch Anklicken gelesen werden).

Er tritt mitten unter sie und sagt: „Friede sei mit euch“. Mitten in diese ausweglose Situation kommt Jesus und sagt: „Friede sei mit euch“.

Und die Botschaft Jesu lebt weiter, die Nächstenliebe lebt weiter. Bis zum heutigen Tag.

Die frohe Botschaft und die Liebe sind stärker als Leid, Tod und Angst. Bis zum heutigen Tag.

Liebe Gemeinde am PC, wenn Sie jetzt ganz genau wissen wollen, wie diese Begegnung mit dem Auferstandenen genau abgelaufen ist und ob man das beweisen kann, dann muss ich ehrlich gesagt passen.

Aber ich bin mir sicher: Die Jünger haben – auf welche Weise auch immer – die Gegenwart Jesu erlebt.

Sie haben mitten in einer Krisenzeit Gottes Liebe gespürt.

Sie haben den Weg zurück ins Leben gefunden und auch andere Menschen mit der frohen Botschaft ermutigt.

Getragen von der Liebe Gottes und der Hoffnung auf seine Hilfe. Mit seinem Frieden im Herzen.

 

Und auch ich darf an diesen außergewöhnlichen Oster-Feiertagen die Gegenwart des Jesu erleben:

Ich erlebe die Gegenwart Jesu, wenn Menschen nach einer Lebenskrise wieder aufstehen und raus ins Leben gehen. Wenn die Hoffnung neu geboren wird und das Leben weiter geht, ist das eine kleine Auferstehung.

Ich erlebe die Gegenwart Jesu, wenn meine Kollegen/innen mitten in einer Zeit der Angst und Sorge mit unseren Bewohnern im Seniorenheim ins Gespräch kommen, lachen oder einfach zuhören. Wenn sie den Senioren helfen Briefe an ihre Angehörigen zu schreiben.

Wenn wir Post von unseren Pfarrern bekommen und die Mitarbeiter den Senioren die Andachten vorlesen, mit ihnen beten und in der Frühlingssonne sitzen.

Jeder Tag an dem Alle gesund sind, ist für uns Mitarbeiter ein Zeichen von Gottes Güte und Bewahrung.

Ich erlebe die Gegenwart Jesu, wenn ich gerade in dieser Zeit durch seine Schöpfung joggen darf und den Frühling mit allen Sinnen erleben darf.

Und wie erleben Sie die Gegenwart Jesu in dieser außergewöhnlichen Zeit?

Ich wünsche Ihnen viele ermutigende Erfahrungen und viele kleine Zeichen der Hoffnung und der Lebensfreude!

Ich freue mich schon heute auf den Tag an dem wir wieder im Gottesdienst miteinander singen, beten und Abendmahl feiern dürfen.

Und bis dahin möchte ich Ihnen Mut machen mit einem wunderschönen Satz aus der Bibel:

Jesus spricht: „Wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter Ihnen“.

Amen

 

Bleiben Sie gesund und hoffnungsfroh!

Ihre Friederike Kallenberg, Prädikantin in Ausbildung

Hausgottesdienst zum Osterfest

Bild: Jonathan Hörger-Jebe

Kerze anzünden – Persönliches Innehalten

Dieser Morgen ist so anders als jeder andere Morgen. Wir standen in der Dunkelheit, doch sind ins Licht gerufen worden. Wir waren dem Tode verfallen, sind aber an diesem Morgen auferstanden—zum Leben.

Darum entzünden wir jetzt das Licht von Ostern, das uns die Auferstehung zum Leben ansagt.

 

 

Eingangsgebet

Auferstandener Herr,

du hast die Schlüssel zum Leben.

Öffne unser Herz, dass sich die Osterbotschaft darin ausbreiten kann

und wir ihr hoffnungsvoll und zuversichtlich vertrauen.

Gerade in diesen Tagen und Wochen, wo so Vieles uns ängstigt und verzweifeln lässt.

Öffne uns für die Freude an deinem Sieg über den Tod.

Mach uns gewiss, dass dein helles Osterlicht auch unsere Einsamkeit und Dunkelheit durchbricht und uns den Weg zum Leben weist.

Amen.

 

 

Lied: EG 100,1-3       (Wir wollen alle fröhlich sein)

Predigt (1Kor 15,[12-18]19-29)

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

 

„es ist erstanden Jesu Christ, der an dem Kreuz gestorben ist […] und uns erlöst vom ewgen Tod.“ So lauten drei Zeilen aus dem Lied Wir wollen alle fröhlich sein (EG 100,2-3). Es ist diese Botschaft, kurz und prägnant zusammengefasst, die wir an Ostern bekennen und einander hoffnungsvoll zusprechen. Auch in diesem Jahr, wo wir Ostern »anders« feiern als sonst: Ohne gemeinsame Ostergottesdienste in unseren Kirchen, sondern auf andere Art und Weise im Netz, im Radio oder vor dem Fernseher. Ohne die Gemeinschaft im Großen, sondern im kleinen Kreis in der Familie. Denn der Tod greift in diesen Tagen und Wochen weit um sich:

Menschen auf der ganzen Welt infizieren sich mit dem Corona-Virus, viele von Ihnen sterben an dessen Folgen.

Das soziale Leben liegt notwendigerweise brach, vielen Menschen macht vielleicht die damit einhergehende Einsamkeit zu schaffen.

Viele Firmen, Klein- und Gastronomiebetriebe mitsamt ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Angestellten kämpfen um ihre Existenz.

Die Angst vor den unabsehbaren Folgen und dem weiteren Fortgang lähmt und ruft Unsicherheit hervor.

 

Auch wenn wir momentan in sehr beängstigenden Zeiten leben, möchte uns das Osterfest dieses Jahr wieder daran erinnern und ermutigen, dass das Leben stärker ist als der Tod. Oder mit den oben zitierten Liedversen gesprochen: „Es ist erstanden Jesu Christ, der an dem Kreuz gestorben ist […] und uns erlöst vom ewgen Tod.“

An diese Botschaft möchte auch der Apostel Paulus die Gemeinde in Korinth erinnern und ermutigen. In seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth heißt es im fünfzehnten Kapitel. Sie können ihn hier nachlesen: 1. Kor 15,19-28 (Der Bibeltext kann durch Anklicken gelesen)

 

In Korinth ist die Vorstellung der Auferstehung der Toten, liebe Leserinnen und Leser, umstritten. „Einige“ Gemeindeglieder (1Kor 15,12) bestreiten diese Vorstellung. Deshalb wendet Paulus sich an die Gemeinde. Breit und ausführlich legt er dar, was es für das (Glaubens-)Leben für Folgen hätte, wenn Jesus selbst nicht auferstanden wäre. Der Glaube wäre letztendlich vergebens und „elend“ (1Kor 15,19). „Nun aber“, so setzt Paulus dagegen, „ist Christus auferweckt“ (1Kor 15,20). Doch wie hören wir diese Worte in diesen Tagen und Wochen?

 

I.

Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“ (1Kor 15,20) Das ist die große Verheißung. In starken, deutlichen Worten setzt sie Paulus hier an den Anfang.

Mit Jesu Tod und seinem Grab endet sie nicht, die Geschichte von Gott mit Jesus. Die Geschichte von Gott und ihm geht weiter. Denn Gott hat Jesus „auferweckt von den Toten“ (1Kor 15,20).

Ja, die Auferweckung Jesu ist ein Zeichen dafür, dass die Geschichte von Gott und uns Menschen ebenso weitergeht. Paulus macht das hier deutlich. Er spricht von Jesus Christus als dem „Erstling unter denen, die entschlafen sind“ (1Kor 15,20). So wie er als Erster auferweckt wurde, werden auch wir, die zu ihm gehören, auferweckt werden. Und gerade deshalb dürfen wir Hoffnung haben. Denn die letztgültige Macht des Todes hat Gott mit Jesu Auferstehung gebrochen. Der Sieg über den Tod hat somit bereits begonnen.

 

 

II.

Der Sieg über den Tod hat bereits begonnen – doch abgeschlossen ist dieser Prozess noch nicht. Der Tod ist als „Feind“, der das Leben bedroht, immer noch in dieser Welt: „Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.“ (1Kor 15,26)

Das weiß Paulus. Und das wissen auch wir. Wir, die wir an Ostersonntag zu den Gräbern unserer Liebsten gehen wollten. Wir, die wir täglich in den Nachrichten mitansehen müssen, wie Menschen sterben, massenweise abtransportiert und gelagert werden. Wir, die wir in dieser Zeit einsam sind. Wir, die wir unmittelbar um unsere Existenz bangen. Wir, die wir auch jetzt gerade Angst um unsere liebsten Menschen und um unsere Welt haben.

Aber: Der Tod, so beschreibt es Paulus, hat seit Ostern sein Anrecht auf uns verloren. Aber noch und immer wieder hat er die Macht, auf der Erde sein Unwesen zu treiben – trotz Jesu Auferstehung. Seine letztgültige Vernichtung (vgl. 1Kor 15,26) steht noch aus – doch sie kommt. Von Gott. Ganz gewiss.

 

„Es ist erstanden Jesu Christ, der an dem Kreuz gestorben ist […] und uns erlöst vom ewgen Tod.“

Der Erfahrung, dass der Tod weiterhin die Macht hat, auf der Erde sein Unwesen zu treiben, steht eine andere gegenüber: Seine Macht hat Gott letztgültig mit der Auferstehung Jesu gebrochen. Der Sieg über den Tod hat bereits begonnen. Die Erlösung „vom ewgen Tod“ möchte uns im Hier und Jetzt weitergehen lassen: Aufrecht, im Leben getragen von der Auferstehungshoffnung, die sich von Ostern her Bahn bricht und in das Dunkel unserer Welt scheint.

Aufrecht, im Leben getragen von der Auferstehungshoffnung, die sich von Ostern her Bahn bricht und in das Dunkel unserer Welt scheint – diese Haltung wünsche ich auch uns als Christinnen und Christen im Jahr 2020. Gerade jetzt in dieser so schwierigen und auf vielen Ebenen unsicheren Situation. Gerade jetzt, wo Menschen vielerorts verzagen und Angst haben – um die eigene Gesundheit, um die eigene Familie, um die Existenz.

Und es ist an uns, wo und wie wir es können, diese Hoffnung und Zuversicht weiterzutragen:

Indem wir für die Kranken, die Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger im Gebet eintreten.

Indem wir der Einsamkeit nicht das letzte Wort lassen, sondern Menschen – wenn auch nicht persönlich, sondern auf anderem Wege – unsere Nähe spüren lassen.

Indem wir als Gemeinschaft für andere einstehen und für die nach Lösungen suchen, die am Boden sind.

 

Gerade das können Spuren dafür sein, dass das Leben stärker ist als der Tod. Spuren davon, dass die Auferstehungshoffnung schon in unser Hier und Jetzt hineinscheint und uns Kraft und Befreiung gibt, unsere Gegenwart zu verändern: Aufrecht, im Leben getragen von der Auferstehungshoffnung, die sich von Ostern her Bahn bricht und in das Dunkel unserer Welt scheint. Denn „es ist erstanden Jesu Christ, der an dem Kreuz gestorben ist […] und uns erlöst vom ewgen Tod. Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.“

Amen.

 

Lied: EG 551,1-2       (Wo einer dem andern neu vertraut) (Die Audioversion ist verlinkt)

  

Fürbittengebet

Jesus Christus, auferstandener Herr,

das Leid und der Tod in unserem Land und auf unserer Welt in diesen Tagen und Wochen bedrückt uns.

Es fällt uns vielleicht nicht ganz so leicht, fröhlich in den Osterjubel einzustimmen. Und doch wollen wir es tun: Mutig, hoffnungsvoll, zuversichtlich.

Denn das Ostergeschehen ist ein Ereignis, das auch uns ergreifen und aufrichten möchte. Denn Gott hat sich in deiner Auferweckung von den Toten stärker erwiesen als der Tod. Seine Macht ist letztgültig von uns genommen. Das möchte auch uns die Kraft schenken, mit Hoffnung und Zuversicht in diesen Tagen und Wochen aufstehen und danken und bitten zu können:

Wir wollen den Menschen danken, die sich für die Kranken einsetzen. Die sich für die Menschen in deiner Gemeinde einsetzen. Die in den Läden und Betrieben weiterarbeiten.

Wir wollen für die Menschen bitten, die einsam sind. Die Angst haben, auch um ihre Existenz. Die nur noch Sorgen sehen.

Erfülle du sie uns mit österlicher Zuversicht. Amen.

 

Vaterunser

 

Segen

Der Herr segne euch und behüte euch.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

 

 

Kerze auspusten – Stille

 

von Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe (Oferdingen)

 

Bild– und Quellenangaben:

Das Bild auf der Vorderseite stammt von Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe, aufgenommen im Jahr 2019 an der Clemenskirche in Oferdingen.

Der Text vom Lied Wir wollen alle fröhlich sein ist zitiert nach dem Evangelischen Gesangbuch, vgl. Evangelische Landeskirche in Württemberg (Hg.), Evangelisches Gesangbuch. Antwort finden in alten und neuen Liedern, in Texten und Bildern. Ausgabe für die evangelische Landeskirche in Württemberg, Stuttgart 1996, Nr. 100.

Hausgottesdienst für Karfreitag, 10. April 2020

Der Psalm, die Bibeltexte sowie das Lied sind verlinkt.

Kerze anzünden

 

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Spruch des Tages

Also hat Gott die Welt geliebt,

dass er seinen eingeborenen Sohn gab,

auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,

sondern das ewige Leben haben.

 

Psalm 22, EG 709

Wochenlied „O Haupt voll Blut und Wunden“ EG 85, 1, 4 und 7

 

Evangelium: Johannes 19,16-30

 

Gedanken zum Predigttext: 2. Korinther 5, 19-21

 

Liebe Gemeinde,

„Und neigte das Haupt und verschied.“ So endet das Evangelium zum heutigen Tage. Unser Blick ist auf das Kreuz gerichtet. Jesus Christus, eben noch von seinen Freunden und Anhängern umringt, wird am Kreuz hingerichtet. Mit zwei Verbrechern an seiner Seite. Unser Blick wandert auf das Kreuz. Das Kreuz gibt Anlass zur Verwirrung und Verstörung: warum musste das geschehen? Jesus selbst ruft: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Heute blicken wir auf das Kreuz, und wir können dort ablegen, was uns selbst belastet. Unsere Trauer, unseren Schmerz, unsere Sorgen und unsere Ängste. Wir legen sie ab unter dem Kreuz Jesu Christi.

Hier, in der Kirche, finden wir ein schlichtes Kreuz. Ein weiteres Kreuz findet sich im Fenster, das die Kreuzigungsszene zeigt. Es ist grün, die Farbe der Hoffnung. Mir gefällt diese Darstellung, weil sie auf das Leben verweist, das aus dem Kreuzesgeschehen hervorgeht.

Welche Impulse gibt uns dabei der heutige Predigttext? Er steht in 2. Korinther 5,19-21:

Was also gibt laut Paulus Anlass zur Hoffnung auf Leben? Zwei Sätze sind für mich in diesem Predigttext besonders eindrücklich. Es sind sozusagen „Trost-Sätze“. Diese möchte ich besonders herausstellen.

Der erste Satz ist: Gott war in Christus. Gott selbst war dabei in seinem größten Leid. Gott selbst hat Leid und Schuld erfahren. Es ist das Mit-Sein, dass auch mich als Menschen stärkt und mir Mut macht. Denn wer kann sich in einen anderen Menschen so sehr einfühlen, dass er identisch ist mit seiner Person? Das können wir nicht leisten. Sie und ich, wir können mitfühlen, aber wir können die Gefühle des anderen nicht nachahmen. Gott aber kann das. Er ist in die Haut Jesu geschlüpft und hat seine Verzweiflung gespürt. Er hat sich in zutiefst Menschliches hineinbegeben. Ja, Gott war in Christus. Das ist der erste Trost-Satz.

Der zweite Satz ist: Gott versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort der Versöhnung. Kurz gesagt: Gott schenkt uns Menschen Versöhnung mit ihm und unter uns. Gott schenkt Versöhnung.

Versöhnen – das ist von der Wortbedeutung her ein Tausch, ein Wechsel. Gemeint ist eine neue Verbindung des Friedens, die eine alte Feindschaft ersetzt.

Wo brauchen wir Versöhnung? Versöhnung mit Menschen in unserem Umfeld. Und vielfach, so denke ich, brauchen wir auch Versöhnung mit uns selbst.

Der Theologe Jörg Zink sagte mir in einem Gespräch auf die Frage, was für ihn das Wichtigste im Leben ist: Man muss das Leben annehmen. Ich verstehe das so: nicht mit dem zu hadern, was mir widerfährt, sondern mich einzufinden in das, was das Leben für mich bereithält. Das klingt hart, besonders bei Schicksalsschlägen ist das sicher ein langer Prozess. Aber der Mensch, der mir das gesagt hat, steht auch für einen Menschen mit schweren Erfahrungen im Leben. Mir steht da ein Mann vor Augen, der den Zweiten Weltkrieg erlebt hat und in Gefangenschaft war. Und gerade er ist ein Vorbild und Glaubenszeuge für mich und für viele. Das Leben annehmen, nicht dagegen ankämpfen.

Ich möchte abschließend noch einmal auf das Bild vom Kreuz zurückkommen. Hier, auf dem Altar steht es vor uns. Es verbindet oben und unten, Himmel und Erde. Und es streckt seine Arme aus, wie Gott, der uns in Christus entgegenkommt. So verstanden, ist es ein Hoffnungszeichen für uns Christen. Wenn Sie es sehen, dann erinnern Sie sich vielleicht an die beiden Trost-Sätze: „Gott war in Christus.“ Und: „Gott schenkt Versöhnung.“                                                                                  Amen. 

 

Vaterunser

 

Segen

 

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

 

Kerze auspusten

von Pfarrerin Dorothee Beer (Altenburg)

Hausgottesdienst zu Gründonnerstag - Einer von euch wird mich verraten

Eine Kerze anzünden – Kurze Stille

Den Psalm 111 beten
(Evangelisches Gesangbuch, Nr. 744)

Gebet
Herr Jesus ich komme / wir kommen zu dir. Lass mich deine Nähe spüren, rede mit mir durch dein Wort. Mache mir dadurch Mut. Amen.
 

Matthäus 26,20-30 lesen

Gedanken zum Predigttext

Das berühmte „Letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci. Jesus sitzt mit seinen Jüngern am Tisch – zum letzten Mal. Oder genauer, viele sitzen nicht mehr, sie sind aufgesprungen. „Einer von Euch wird mich verraten.“ Sie springen auf, protestieren, tuscheln miteinander … Das kann nicht sein, das darf nicht sein.

Im Matthäusevangelium wird diese Geschichte erzählt (26,20-30). Sie wurden sehr traurig, heißt es da. Und sie alle fragen einer nach dem anderen Jesus: „Bin ichʼs? Ich doch wohl nicht! Oder?“ Keiner ist sich so ganz sicher. Sie alle wollen von Jesus bestätigt bekommen, dass sie es nicht sind. Aber Jesus antwortet nicht. Judas fragt schließlich auch. Und Jesus antwortet: „Du sagt es.“ Keiner sagt etwas dazu. Haben die anderen es nicht gehört? Irgendwie geht das Essen weiter.

Dann nimmt Jesus einen Brotfladen und verteilt ihn unter den Jüngern. „Das ist mein Leib.“ Und er gibt einen Becher Wein herum: „Das ist mein Blut, vergossen zur Vergebung der Sünden. Erst im Reich Gottes werde ich wieder trinken.“

Jesus sieht seinen Tod kommen. Er weiß, welche Rolle die Jünger spielen werden: Judas wird ihn verraten, alle werden fliehen, Petrus, der sich noch am weitesten vorwagt, wird in schließlich verleugnen: „Ich schwöre, ich kennen den Menschen überhaupt nicht!“ Judas kann nicht mit seinem Verrat leben. Er nimmt sich am nächsten Tag selbst das Leben.

Eine schaurige Geschichte. Aber es gibt einen Lichtblick. Mitten unter den Jüngern sitzt Jesus. Er isst mit ihnen, obwohl er das alles kommen sieht, er sagt Ihnen: „Ich stehe mit meinem Leben für Euch ein.“ Er schließt einen Bund mit ihnen, der über Flucht und Verleugnung und über seinen Tod hinaus Bestand hat. Sein Tod wird für sie zum Zeichen der Vergebung werden, ein neuer Anfang. Sie werden nach seiner Auferstehung wieder zu ihm finden. Und ob der Verräter wirklich für immer verloren ist?

Nicht nur für die Jünger tritt Jesus mit seinem Leben ein. „Für viele,“ sagt er. Leonardo hat Jesus und die Jünger in den Kleidern seiner Zeit gemalt und den Tisch gedeckt, wie es damals üblich war. Er lädt die Betrachter ein, sich in Gedanken dazu zu setzen. „Auch von Euch erzählt diese Geschichte.“

Wir gehören an diesen Tisch. Wir wollen dabei sein, bei Jesus – und keiner von uns kann garantieren, das er das durchhalten wird. Keiner kann sich sicher sein: Was werde ich morgen denken, sagen, tun? In der Nachfolge leben, verraten, verleugnen? Und Jesus sagt uns: „Ich stehe mit meinem Leben für Euch ein. Das sollt ihr hören, wenn von meinem Tod die Rede ist. Ihr könnt ihr immer wieder zu mir zurückfinden.“

Das feiern wir im Abendmahl und das gilt auch, wenn wir es dieses Jahr nicht an Tischen oder am Altar miteinander feiern, die Geschichte dort nachspielen können. Auch wenn wir sie nur hören, handelt diese Geschichte von uns: Jesus hat seinen Bund mit uns geschlossen.

 Lied: Komm, sag es allen weiter
(Evangelisches Gesangbuch, Nr 225)

 

Gebet
Herr Jesus, du stehst mit deinem Leben für uns ein. Behüte jetzt die Menschen, die in Gefahr sind, die die unter der erzwungenen Ruhe leiden und die, denen die Arbeit über den Kopf wächst. Sei bei denen, die uns nahestehen und um die wir uns Sorgen machen. Hilf uns, dir nachzufolgen. Gib uns Mut und Kraft um in diesen Zeiten recht zu leben. Amen.

Vaterunser

Segen
Und es segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. – Amen.

Pfarrer Thomas Soffner (Sondelfingen)

Mit Jesus in der Küche - Andacht zum 07.04.2020

© Beate Ellenberger

„Jesus nahm einen Schurz“ (Johannes 13, 4)

 

Ich vermisse die Kirche und die Gemeinschaft und das gemeinsam gesungene Gotteslob. Luther hat ja mal gesagt, das ganze Leben sei ein Gottesdienst. Auch wenn in der Kirche nun über eine lange Zeit keine Gottesdienste der versammelten Gemeinde mehr stattfinden, so finden doch überall in der Gemeinde Gottesdienste statt:  draußen in der Natur und im Haus, sogar in Kinderzimmern. Im Wohnzimmer habe ich Fernsehgottesdienste mitgefeiert. Das Radio ermöglichte uns einen Brunch-Gottesdienst im Esszimmer. Bei Spaziergängen komme ich zu Gott, wenn ich einfach Ruhe brauche und mein Kopf vom vielen Entscheiden raucht und mein Herz vom Sorgen eng geworden ist. Zwischendurch zünde ich mir im Büro zu einem Gebet die Kerze an und ich horche auf beim Glockenläuten. Das ist ganz gewiss nicht dasselbe wie in der Kirche. Aber das Volk Israel war schließlich 40 Jahre in der Wüste in Zelten unterwegs. Da will ich mal nicht rumjammern wegen ein paar Monaten.

Heute zieht es mich zur Andacht in die Küche. Jesus hinterher. In der Küche nimmt er einen Schurz vom Haken und bindet ihn sich um. Was macht er da? Was kommt jetzt? Jesus lässt Wasser ein und kniet sich mit der Schüssel vor meine Füße hin. Ich wehre ab: „Nein, Jesus, lass mal. Ich habe heute Morgen geduscht.“ Doch dann merke ich, wie müde meine Füße geworden sind. Der Tag hat seine Spuren hinterlassen. „Aber Du muss das doch nicht…. Ich kann das doch auch selbst…. Also gut…“                                                     

Ich lass es mir gefallen, auch wenn es anfangs schwerfällt. Die Zehenzwischenräume werden frei. Auch die Anspannung der letzten Wochen fällt von mir ab. Meine Einsamkeit geht baden. Die Sorgen werden aufgeweicht. Meine Seele wird wieder frisch. Das ist anders als ich befürchtet und erwartet hatte: Dass jemand mich so annimmt, wie ich bin; auch das, was ich niemandem gerne zeige – das tut mir unendlich gut. Jesus, der Herr, macht den Diener für mich.

„Also sollt auch ihr einander die Füße waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben. Ihr sollt für euch gegenseitig das tun, was ich für euch getan habe.“ Einander annehmen, wie wir sind. Einander stärken. Vorbehaltlos. Jesu Fußstapfen nachfolgen heißt: geben und annehmen. Jesu Liebe wirkt spürbar unter uns und begleitet uns, auch wenn der Weg unsere Füße durch schwierige Zeiten führt.                                    

Bewahre uns Gott, behüte uns Gott, sei um uns mit deinem Segen. Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns auf unser‘n Wegen. (EG 171,4)

Pfarrerin Beate Ellenberger

 

Gebet: Dir kann ich es sagen, mein Gott: ich habe Angst, oft, immer wieder: Fragen – ich weiß keine Antwort, Probleme - ich sehe keinen Ausweg, Menschen – ich verstehe sie nicht. Ich fühle mich überfordert. Du musst mir helfen. Ich bitte dich, Gott: Nimm mir die Angst. Gib mir ein ruhiges Herz und klare Gedanken. In deiner Kraft will ich reden und handeln, schweigen und leiden. In deinem Frieden lass mich geborgen sein mitten im Kampf. Amen

Evangelisches Gesangbuch EG 806, Gebete zu den Wochentagen – Dienstag.

Hausgottesdienst zum Palmsonntag, 5. April 2020

Bild: Gudrun Maier

Die Idee: Gottesdienst zu Hause feiern und trotz Corona mit anderen Gemeindegliedern verbunden sein.

Kerze anzünden           -                kurze Stille

Wir feiern in Gottes Namen. Im Namen Gottes, des Vaters, der Quelle unseres Lebens, im Namen Jesu, der unser Leid kennt und im Namen des Heiligen Geistes, der uns trotz Abstand verbindet.

 

Beten                        Psalm 69 EG 731 Gott, hilf mir!

Lebendiger Gott, durch deinen Geist sind wir alle miteinander verbunden. Was mir auf dem Herzen liegt, bringe ich im Gebet vor dich. Mein Glück, aber auch meine Sorgen. Alles, was mich in der vergangenen Woche bewegt hat und was bevorsteht. Bei dir ist es geborgen, alles Freudige, alles, was wehtut und was ich mir wünsche. Du weißt, an wen ich gerade besonders denke. Stärke uns durch deinen Geist und lass uns in der kommenden Woche besonders deine Nähe spüren. Amen

 

Lied: Wie soll ich dich empfangen (EG 11,1-3) - Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn. Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis und deinem Namen dienen, so gut es kann und weiß.

 

Gedanken zum Predigttext Markus 14, 3-9: Die Salbung in Betanien

Eine Frau salbt Jesus. Und die Leute regen sich auf, als sie die Frau mit dem Salböl sehen. Das war eine wahre Kostbarkeit. Sie werden verärgert und fragen sich, was denn diese Vergeudung soll. Sie waren gerade mit Jesus am Essen bei Simon, dem Aussätzigen. Es liegt nahe, dass Jesus ihn geheilt hat und nun sitzt er bei einem Ausgestoßenen und isst mit ihm. Ein Zeichen der Gemeinschaft vor Gott. Und dann kommt eine Frau mit diesem unglaublich kostbaren Öl. Man könnte das Geld doch den Armen geben, sagen die anderen und empören sich. Dreihundert Silbergroschen ist es wert, also so ungefähr ein Jahresgehalt von einem Tagelöhner, unglaublich viel Geld. Als Schwäbin kann ich die Leute irgendwie gut verstehen. Aber sie waren so aufs Geld fixiert, dass sie gar nicht gesehen haben, was für ein gutes Werk die Frau gemacht hat. Sie hat das Gebot der Stunde erkannt. Sie hat Jesus erkannt. Wie einen König hat sie ihn gesalbt. Und das als Frau und nicht als Priester. Sie hat ihn auch zum Begräbnis, das bald bevorsteht, gesalbt, denn danach war das nicht mehr möglich.

Warum wird dieser Text ausgerechnet an Palmsonntag gelesen? Ein Aspekt ist die Frage, wie wir Jesus empfangen. Hosianna rufend, wie die Menschen an Palmsonntag, oder anklagend, wie die Menschen in dieser Geschichte oder die, die ihn töten ließen. Die Salbung in Betanien steht direkt vor dem Verrat des Judas. Jesus steht kurz vor seiner Verhaftung. Und im Garten Gethsemane überkommen ihn später Angst und Schrecken, Zittern und Zagen. Die Szene mit der Frau ist wie die Ruhe vor dem Sturm. Jesus wird überreich beschenkt. Aber die Menschen am Tisch sind im materialistischen Denken gefangen. Sie denken ans Geld. Sie sehen nur den Wert des Öls und eine dahergelaufene Frau. Sie sehen nicht den Wert der Zuwendung. Jesus scheint zu ahnen, dass es ihnen irgendwie gar nicht um die Armen geht. Darum sagt er: Ihr könnt euch immer um die Armen kümmern. Ihr könnt euch ihnen immer zuwenden, wenn es euch darum geht. Dem steht ja nichts im Wege. Was hier aber geschieht, mit diesem kostbaren Öl, ist auch Zuwendung. Zuwendung an einen, der kurz vor dem Tod steht. Die Frau hat mit Jesus geteilt, was sie hatte. Hier hat die Frau nicht mal einen Namen, aber es wird gesagt, dass sie im Gedächtnis bleiben wird. Und zwar nicht unbedingt sie als Person, sondern ihre Tat der Zuwendung. Sie hat in dem Moment nicht darüber nachgedacht: was kostet das Öl, was ist es wert? Sie hat einfach gehandelt. Und Jesus hat es angenommen. Ohne nach dem Wert zu fragen, ohne zu sagen, das bin ich nicht wert. Die Logik des Berechnens wird durchbrochen. Für mich ist das ein Moment echter Begegnung, der Jesus vielleicht auch in seinem weiteren Weg bestärkt hat. Er hat diese Salbung einfach zugelassen.

Da wird nicht auf das Geld geschaut. Nicht auf den vermeintlichen Wert von etwas. Leider schauen wir auch heute wohl noch zu oft auf das Geld oder den „Wert“ von etwas und vieles läuft unter dem System des Gebens und Nehmens. Da fällt es manchmal schwer, Zuwendung einfach zuzulassen. Mir geht es zumindest immer wieder so. Da bekomme ich ein Geschenk und will es nicht ohne Gegenleistung annehmen. Oder mir nicht ohne Gegenleistung helfen lassen.

In diesen ungewöhnlichen Tagen gerade sind viele auf Hilfe angewiesen. In vielen Orten wird eine Nachbarschaftshilfe organisiert. Dabei gibt es meist mehr Helfende als Hilfesuchende. Denn es ist nicht einfach Hilfe anzunehmen. Ich kann das auch verstehen. Ich will für mich selbst sorgen können, nicht auf andere angewiesen sein. Ich will für mich selbst einkaufen und es tut ja auch gut, einmal rauszukommen. Aber, wenn wir uns bewusst machen, dass die anderen gerne helfen, und, dass wir uns und ihnen etwas Gutes tun, wenn wir uns helfen lassen, wird es vielleicht leichter. Selbst Jesus hat sich hier helfen lassen und die Zuwendung ohne Gegenleistung einfach angenommen. Jesus durchbricht das menschliche System des Gebens und Nehmens. Jesus berechnet nicht. Nicht, wenn er empfängt und nicht, wenn er gibt. Und manchmal wird dieses System des Gebens und Nehmens auch heute noch durchbrochen, gerade in diesen Corona-Zeiten. Wenn Menschen füreinander einkaufen. Wenn Menschen einander anrufen oder eine Karte schreiben. Wenn Menschen füreinander da sind und geben, was sie haben. Darin, wie die namenlose Frau Jesus begegnet, wird sie uns zum Vorbild und darin, wie Jesus von ihr empfängt, wird er uns zum Vorbild, am Anfang dieser Tage, an denen sich die Ereignisse um ihn überschlagen. Letztlich ist es die Güte Gottes, die ohne zu berechnen freigiebig ist.

 

Lied: EG 314 Jesus zieht nach Jerusalem ein.

 

Fürbitten

Gütiger Gott, dieser Tag erinnert uns daran, wie wir dich empfangen können. Dieser Tag erinnert uns daran, dass es gut ist Hilfe und Zuwendung zu schenken und anzunehmen. Wir bitten dich für alle, die helfend anderen zur Seite stehen: Für alle Ärztinnen und Pfleger, für alle, die das tägliche Leben am Laufen halten. Wir bitten dich für alle, die in diesen Tagen Hilfe brauchen: Für Kranke, Einsame und Trauernde. Steh ihnen und uns bei und mach uns deiner gütigen Zuwendung gewiss. Alles, was uns sonst noch am Herzen liegt, legen wir Dir ans Herz, wenn wir mit Jesu Worten beten: Vaterunser ….

 

Segen

Hände wie eine Schale formen und sprechen: „Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.“

 

Musik / Stille

Kerze auspusten

 

von Pfarrerin Inga Kaltschnee (Sickenhausen)

Andacht zum 2. April 2020 - Aufatmen sollt ihr und frei sein

Sonne geht auf

© original_clipdealer.de

Liebe Leserin, lieber Leser,

das CORONA-Virus hält die ganze Welt in Atem. Es nimmt ihr sogar den Atem. Den Atem der Weltwirtschaft, den Atem des Tourismus, den Atem der Kultur, den Atem der Schulen und Universitäten und hemmt auch den Atem kirchlicher Praxis. Es atmet also nicht mehr so selbstverständlich im globalen Gefüge.

Dazu kommt, dass gerade der lebensnotwendige Atem Überträger der Krankheit sein kann von Mensch zu Mensch. Atem wird auf einmal gefährlich. Atem trennt uns Menschen, lässt den Abstand wachsen, lässt Misstrauen wachsen, lässt Ängste und Befürchtungen wachsen.

Ein Szenario, das wir uns zuvor nicht haben vorstellen können. Ein Thema, das erst seit ein paar Wochen die Weltbühne beherrscht. Etwas unsichtbar Kleines kann zum größten GAU werden. Und unsere weltweite Verflochtenheit wird offenkundig.

Beim Nachdenken darüber kam mir ein Gedanke, ein Wunsch. Was wäre, wenn das Virus CARDIA hieße und ein Herzensvirus wäre. Ein Virus, das augenblicklich die Herzen öffnen könnte. In der Folge würden Menschen sich verbinden, sich entgrenzen, Türen sich öffnen. Alles wäre Einladung, Einladung aus Herzensgrund. Statt Ich und Du gäbe es ein Wir. Miteinander verwoben sind wir ja allemal, dies aber noch bewusster zu initiieren könnte das Virus CARDIA tatsächlich. Zuwendung und Hilfe, grenzenloses Vertrauen, Empathie und füreinander Sorgen wären die Maximen. Einbeziehen und integrieren, Synergien entwickeln und daraus Kräfte schaffen fürs Zukünftige. Und das erleben wir ja auf so vielfältige Weise gerade überall. Wunderbar.

Atmen wir tief durch. Auf keinen Fall wollen wir diejenigen sein, die andere gefährden. Deshalb sind wir auch bereit, uns zurück zu halten, uns raus zu halten und gegebenenfalls auch uns in Quarantäne zu begeben und darin auszuhalten, solange es sein muss.

Was ist das gegen die aufopfernde Arbeit der Menschen, die in unserem Gesundheitssystem, in den Krankenhäusern, Arztpraxen für die Schwer- und Schwerstkranken ihr Bestes geben. An diese Menschen denke ich in Dankbarkeit aus ganzem Herzen. An die Kinder denke ich und dass deren Eltern gesund bleiben mögen. An die Enge in manch familiären Wohnungen denke ich, wo Kinder nun wochenlang spielen, lernen und sich aufhalten sollen, an die psychische Belastung von Eltern und Alleinerziehenden. An die alten Menschen denke ich in unseren Heimen und Stiften und dass sie nicht besucht werden dürfen und an die Sorge ihrer Angehörigen. Ich denke auch an die bis zu ihrer Erschöpfung tätigen Pflegenden, die weiterhin den sozialen Kontakt gegen die Einsamkeit leisten. An finanzielle Engpässe, die existenzgefährdend sein können, denke ich und hoffe und bete: Gott verhüte das Schlimmste!

Eine Auszeit für die Erde, Sabbattage für die Schöpfung sind es auch, diese Wochen, damit sie wieder atmen kann, ihren Hals frei kriegt, ihre Lungen belüftet werden und ein wenig Heilung geschehen kann.

Und das braucht nicht nur die Erde, sondern auch wir Menschen. Sehen wir es als große Chance, aufzuatmen und uns auf Wesentliches zu besinnen. Dabei hilft mir die Einladung Jesu: „Kommt her zu mir alle, die ihr müde seid und ermattet von übermäßiger Last, die ihr seufzt unter harten Geboten und unter der Last eurer Schuld. Aufatmen sollt ihr und frei sein.  (Matthäus 11,28)

Bleiben Sie behütet und gesegnet

im Durchatmen und Aufatmen

im Vertrauen auf unseren Herrn,

Pfarrer Bernd Rexer

Andacht zum 31. März - Gott hat seinen Bogen gesetzt als Zeichen des Bundes

In dieser unsicheren Zeit ermutigt mich der Regenbogen. In der Bibel wird uns erzählt: Gott setzt seinen Bogen in die Wolken. Er ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und uns Menschen.  Ein Zeichen dafür, dass Gott auch in schweren Zeiten für uns da ist. In den Ungewittern und den Stürmen des Lebens ist Gott da. Wir können mit ihm reden. Er hört uns. Er bleibt uns treu.

Die Coronakrise ist wie ein unerwarteter Sturm über uns gekommen. Von einem Tag auf den anderen ist so vieles so anders geworden.

Das weckt Sorge und macht Angst.

Doch der Regenbogen ist ein Sinnbild der Ermutigung:

Gott bleibt uns treu!

Der Regenbogen ist ein Zeichen des Bundes. Zu einem Bund gehören immer zwei. Wie in einem Ehebund. Da versprechen sich zwei Menschen, dass sie in Liebe füreinander da sind.

In Gottes Bund mit uns verspricht uns Gott: Ich bin für euch da. Solange die Erde steht soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (1. Mose 8,21)

Wie schön, dass wir das auch heute erleben: Die Gärten und Wiesen sind voller Frühlingsblumen, Gemüse wird gesät, Spargel werden geerntet. Am Morgen geht sie Sonne auf, nachts hüllt die Dunkelheit uns beruhigend ein. Und zu jeder Zeit können wir zu Gott beten.

Ebenso ruft der Bund mit Gott uns in die Verantwortung. Gottes größtes Anliegen an uns ist:

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das wünscht sich Gott von uns: Dass wir liebevoll füreinander da sind.

Ich finde es sehr bewegend, zu erleben, wie viel Hilfsbereitschaft und liebevolle Fürsorge in unserer Gesellschaft und in den Gemeinden sichtbar wird. Bei Vielen lockt die Pandemie das Beste heraus, was in ihnen steckt. Viele sind engagiert, solidarisch, aufmerksam und hilfsbereit. Andere werden aus Angst rücksichtslos und egoistisch. Das kann jedem von uns passieren. Doch auch dann gibt es immer wieder die Chance, sich neu zu besinnen und liebevoll auf andere zu achten.

Gott hat jedem und jeder von uns Möglichkeiten gegeben, anderen zu helfen: Praktisch, kreativ und in aller Stille mit unseren Gebeten.

Der Regenbogen vergewissert uns: Gott ist da. Gott bleibt da. Er sieht uns und gibt uns die Kraft, die wir jetzt brauchen.

Ein herzliches „Gott befohlen“!

Waltraud Mohl

Haus-Gottesdienst am Sonntag Judika, 29. März 2020 - Pfarrerin Beate Ellenberger

© Beate Ellenberger

Trotz Einschränkungen verbunden sein

im Gottesdienst-Zuhause

 

Ankommen

Die Glocken läuten. Ich höre und schweige. Lausche und lasse ruhen, womit ich mich beschäftige. Ich bin hier. Gott ist hier. Das genügt. Ich zünde eine Kerze an und spreche: Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Beten

Psalm 43 EG 724 Judika – schaffe mir Recht, Gott!

Lieber Gott, jeder ist bei sich zuhause. Und doch sind wir alle durch deinen Geist miteinander verbunden. Ich bringe dir im Gebet, was ich auf dem Herzen habe. Was mich schmerzt, was mich freut. Und an wen ich jetzt gerade besonders denke.

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet. Amen

 

Lied Holz auf Jesu Schulter (EG 97)

Holz auf Jesu Schulter von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehen. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

 

Predigttext Hebräer 13, 12-14 

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Liebe Leserin, lieber Leser, innerhalb von kürzester Zeit hat sich der Alltag von uns allen komplett verändert. Die Schüler*innen und Lehrer*innen sattelten ganz schnell auf digitales Lernen um. Eltern sind im Homeoffice kümmern sich um Kinder und sorgen sich um die Großeltern. Wie umgekehrt auch. Wir haben es erstaunlich schnell geschafft uns umzustellen auf neue Kommunikationsformen neben dem bewährten Telefon. Die Zukunft hat uns eingeholt. Pandemien waren bekannt aus Horrorfilmen oder wenn wir die Nachrichten aus China gesehen haben. Aber jetzt ist der Virus tatsächlich auch bei uns angekommen. Die Straßen sind leergefegt. Was machen wir jetzt in den Zeiten, wo wir uns normalerweise begegnen?

 

Jeder hat so seine eigenen Strategien in Krisenzeiten. Die einen verdrängen oder stürzen sich in Aktionismus. Andere ziehen sich zurück mit Sorgen und Existenzängsten. Manchen hilft ihr Humor und ihr Glaube. In vielen kommen die Sätze der Altvorderen wieder zum Klingen. Und manchmal sind es ein wenig von allem. Jedenfalls haben der Sonnenschein und die Frühlings-Boten wie Blüten und Vogelgezwitscher tapfer gegen den Corona-Blues angekämpft. 

 

Ich frage mich, wie das ist, den Satz zu hören: „Du gehörst jetzt zur Risikogruppe!“ Wir sorgen uns um die Menschen die wir lieben und die, für die wir Verantwortung tragen. Wir wollen sie schützen. Dass Abstand dabei hilft, ist paradox. Dabei können wir Langzeitpatienten mal fragen, wie sie schon seit längerem leben mit Risiken und Nebenwirkungen leben. Wie haben es Menschen mit Behinderungen geschafft, länger mit Einschränkungen durchzuhalten. Und Menschen im Gefängnis haben die Verluste, unter denen wir leiden, mit ihrer Inhaftierung schon durchlebt. Unsere alten (Groß-)Eltern- auch wenn sie schon nicht mehr leben sollten, können uns daran erinnern, wie sie in Kriegszeiten den Verlust von lieben Menschen, Heimat und Besitz bewältigt haben. Wer keine Großeltern mehr hat, kann die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften fragen, wie das ist. 

 

Der Satz aus dem Hebräerbrief, der vielleicht zuerst nach Beerdigung klingt, hat mich sehr angesprochen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Ich fange jetzt manchmal an mir zu überlegen, was ich alles machen möchte, wenn diese Zeit vorbei sein wird. Egal wie lange das dauert, egal, wie schlimm es kommt – ich brauche eine Perspektive. Ob realistisch-vorsichtig oder kräftig-phantasievoll: Ich will mir ausmalen, wie wir wieder Feste feiern. Konfirmation und Klassentreffen. Dienstbesprechungen mit Anstoßen. Speckstein-Workshops für Trauerbewältigung.

 

Viele fragen sich schon jetzt, wie sich unsere Gesellschaft dann verändert hat. Wie etwas von der Solidarität bleibt. Wie wir mutig geworden sind und wie die Medien mal so richtig sozial waren. Wie wir durchgehalten haben.

 

„Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“ (Heinrich von Kleist)

 

Lied EG 576 Meine Hoffnung und meine Freude meine Stärke, mein Licht: Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.

 

Fürbitten

Wir beten zu Dir Gott und bitten Dich für alle Menschen, die uns nahestehen. Für die, mit denen wir es schwer haben. Schenke uns Geduld. Sei nahe den Kranken und den Pflegenden. Gib den Politikern den Geist für Entscheidungen, die jetzt dran sind. Stehe denen bei, die anderen beistehen. Schick uns Deine Engel. Dir befehlen wir die Kinder an, die hätten getauft werden sollen. Die Jugendlichen, deren Konfirmation verschoben wird. Die Sterbenden und Trauernden aus unseren Gemeinden. Alles, was uns sonst noch am Herzen liegt, legen wir Dir ans Herz, wenn wir mit Jesu Worten beten: Vaterunser ….

 

Und bis wir uns wiedersehn, möge Gott seine schützende Hand über dir halten.

 

Segen

Hände wie Schale formen und sprechen:

Gott segne uns und behüte uns. Gott lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Gott erhebe dein Angesicht auf uns und gib uns Frieden. Amen.

 

Musik / Stille

Kerze auspusten

 

© Birgit Hertrich

Andacht zum 26.03.2020

© Bild: Gudrun Maier

„Baum, Baum“, schreit mein kleiner Sohn begeistert. Er ist gerade dabei Sprechen zu lernen. Wenn er ein Wort kennt und das Bezeichnete sieht, ruft er es gerne mal 20-mal hintereinander und freut sich wie verrückt. Er hat einen Baum gesehen! Habe ich mich jemals so gefreut, einen Baum zu sehen?

Ich vielleicht nicht - jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern -, aber ich kenne die Geschichte von einem, der sich bestimmt wahnsinnig gefreut hat, einen kleinen Zweig zu sehen. Und Sie kennen die Geschichte auch! Die Geschichte steht in der Bibel und handelt von Noah. Noah hat wahrlich düstere Zeiten erlebt. 40 Tage und 40 Nächte hat es geregnet, ununterbrochen. Kaum vorstellbar ist so eine Situation. Die ganze Zeit eingezwängt auf einem Boot, niemand kann raus und draußen ist es nur düster. Aber es regnet nicht nur lange, insgesamt sollen sie über 150 Tage auf der Arche verbracht haben. Dann ließ Noah einen Raben ausfliegen, um zu schauen, ob es schon wieder Land gab und dann eine Taube, aber sie kam wieder zurück. Noah und seine Familie brauchten noch etwas Geduld. Nach weiteren sieben Tagen, sandte Noah wieder eine Taube aus. „Sie kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, sie hatte einen frischen Ölbaumzweig in ihrem Schnabel. Da merkte Noah, dass die Wasser sich verlaufen hatten auf Erden.“ (1. Mose, 8,11)

Ob und wie er sich wohl über diesen kleinen Zweig gefreut hat? Ich stelle mir vor, wie er voller Begeisterung rief: „Ein Zweig, ein Zweig.“ Und wie die Freude sich ausbreitete. Vielleicht lagen sie sich in den Armen, alle düsteren Gedanken waren wie weggeblasen und die Erleichterung breitete sich aus.

In unserer Kirche in Sickenhausen hängt in der Passionszeit ein Parament, ein Bild von der Taube mit diesem Zweig. Es ist ein Hoffnungsbild. Es ist ein Zeichen dafür, dass düstere Zeiten nicht für immer bleiben. Manchmal brauchen wir große Geduld und es gibt auch Rückschläge, wie als Noah den Raben aussandte. Auch die Taube kam beim ersten Mal ohne Hoffnungszeichen zurück. Aber letzten Endes kam die Taube mit dem Zweig.

Wir wissen nicht, wie lange die Corona-Krise noch dauern wird und wieviel Geduld wir noch brauchen. Es wird vielleicht auch enttäuschte Hoffnungen geben. Aber jeder Baum, der in diesen Tagen blüht, erinnert mich daran, welche Hoffnung ich habe. Jeder blühende Baum ist ein Zeichen dafür, dass wieder Neues entstehen kann und auf jeden Winter ein Sommer folgt.

Und wenn mein kleiner Sohn sich in diesen Tagen über einen Baum freut, dann denke ich an Noah und freue mich mit.

 

Ich wünsche Ihnen Gottes Segen und die Erinnerung an diesen kleinen Zweig, der so große Freude verbreitet hat.

Bleiben Sie gesund und gesegnet, Ihre Pfarrerin,

Inga Kaltschnee

Andacht zum 24.03.2020

© original_clipdealer.de

Betende Hände – so heißt ein berühmtes Bild des deutschen Malers Albrecht Dürer (1471 – 1508). Dürer fertigte die Zeichnung im Jahre 1508 als Studie für den Heller-Altar in der Dominikanerkirche in Frankfurt an.

 

Mich fasziniert diese Zeichnung immer wieder aufs Neue: Zwei einfache Hände eines Menschen sind zum Gebet gefaltet. Die Spuren des Lebens scheinen sich in ihnen abzuzeichnen. Sie beten: Flehend und klagend? Stürmisch, unnachgiebig und unablässig? Dankbar? Bittend?

 

Zwei einfache Hände eines Menschen sind zum Gebet gefaltet. Sie beten. Sie beten vielleicht wie der Verfasser des Kolosserbriefes, der an die Adressaten seines Schreibens denkt und für sie eintritt. Im Lehrtext zur heutigen Tageslosung heißt es dazu in Kol 1,9:

Darum lassen auch wir nicht ab, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht.

 

Menschen, die an andere denken und für andere einstehen, braucht es immer und immer wieder. Auch gerade jetzt, wo Solidarität unter- und miteinander mehr denn je gefragt scheint. Der Verfasser des Kolosserbriefes stimmt in diese Solidarität in einer Zeit mit ein, in der seine Gemeinde mit vermeintlicher „Philosophie“ und falscher Lehre (vgl. Kol 2,8) von Irrlehrern konfrontiert ist. Sie soll getröstet und in Liebe zusammengehalten werden, indem er an sie denkt, für sie betet und bittet: Er tritt unablässig für sie ein und ist im ständigen Austausch und im ständigen Gespräch mit Gott – in der Hoffnung und im Vertrauen auf ihn. Auf Gott, von dem er für die Menschen in der Gemeinde die „Erkenntnis seines Willens“, „Weisheit“ und „Einsicht“ erbittet: Es geht ihm gewissermaßen um ein Leben, das sich aus Gottes Wort speist, prüfend und abwägend nach der richtigen Haltung fragt und „verwurzelt und gegründet und fest im Glauben“ (Kol 2,7) in Jesus Christus in ein konkretes Tun mündet. In ein Tun, das den Mitmenschen im Blick hat und „Weisheit“ und „Einsicht“ dafür schenkt, was die oder der Andere gerade besonders braucht und nötig hat.

 

Darum dürfen wir im Gebet immer wieder bitten. Denn das Gebet ist, so hat es Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt, die „Kraft des Menschen […]. Beten ist Atemholen aus Gott.“

 

Ich wünsche uns allen, dass uns das Gebet die Möglichkeit schenkt, bei Gott in diesen bewegten Zeiten immer wieder neu Atem zu holen:

·         Atem zu holen für uns selbst – bei ihm und seinem mutmachenden Wort.

·         Atem zu holen, um mit der rechten „Weisheit“ und „Einsicht“ handeln und für Andere da sein zu können.

·        Atem zu holen, um Kraft zu schöpfen und das Vertrauen nicht aufzugeben, dass wir auch in dieser schweren Zeit getragen sind.

·        Atem zu holen, um Dank für die kleinen Glücksmomente sagen zu können, die wir gerade trotz allem erfahren. Oder denen, die sich einem Risiko aussetzen, unser Leben am Laufen halten oder Einsamkeit überbrücken: Dem Personal in den Krankenhäusern, in den Pflegeheimen, in der Lebensmittel- und Stadtversorgung, in den Parlamenten, den Menschen bei Ihnen und mir zu Hause.

 Pfarrer Jonathan Hörger-Jebe

 

Quellen: Dietrich Bonhoeffer, Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931 (DBW 10), 22005, 544.

Haus-Gottesdienst am Sonntag Lätare (Freut euch!), 22. März 2020

Bild: ©Thomas Soffner

Die Idee: zu Hause feiern – und trotz Corona mit anderen Gemeindegliedern verbunden sein. Die Gedanken stammen von Pfarrer Thomas Soffner.

Kerze anzünden                             kurze Stille

Eingangsgebet

Herr, ich bin hier (wir sind hier), jeder bei sich zuhause

und doch durch deinen Geist alle miteinander verbunden

Ich bringe dir im Gebet, was ich auf dem Herzen habe.

Mein Glück, aber auch meine Sorge. Alles was diese vergangene Woche war.

Was bevorsteht. Was wehtut. Was ich mir wünsche.

Bitte sprich zu mir durch dein Wort. Schenke mir Hoffnung, Halt und Stärke durch dich.

Und so feiere ich (so feiern wir) in deinem Namen Gottesdienst. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lied: Korn das in die Erde (EG 98)

Gedanken zum Wochenspruch

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. (Johannes 12,24)

Corona-Zeiten: viel Unsicherheiten und Einschränkungen. Leid, wenn in Krankenhäusern und Heimen kaum noch oder nicht mehr besucht werden kann, wenn der Lebensunterhalt unsicher wird oder wegbricht … Angst, krank zu werden, für manche auch der Tod. Wir wissen nicht, wie lange es dauert und wie schlimm es wird, täglich neue Aussagen, immer neue Maßnahmen. Man fühlt sich ausgeliefert und hilflos.

Und wir sind in der Passionszeit, sollen also trotz Corona an ein ganz anderes Leiden und Sterben denken: was Jesus durchgemacht hat und wie er gestorben ist, vor langer Zeit. Warum?

Weil Jesus nicht nur gestorben ist, sondern auch von Gott auferweckt worden ist. Und so ist sein Tod zum Versprechen geworden: Vieles kann in der Welt geschehen, aber Gott nimmt nicht alles hin. Und Gott kann immer noch etwas tun. Nicht nur an Jesus, auch an uns.

Darum ist Jesus nicht umsonst gestorben. Sein Tod bringt uns etwas, er bringt Frucht.

Durch seinen Tod hat Gott sich mit uns versöhnt: Was er gegen uns vorbringen könnte, lässt er fallen, er lässt sich nicht gegen uns aufbringen. Gott hat sich auf unsere Seite gestellt. Und durch seinen Tod bittet Jesus uns: Versöhnt euch mit Gott, vertraut euch ihm an, lasst euch verändern.

Jesus hat ein unruhiges, schwieriges Leben auf sich genommen, er ist gestorben, wie wir – wie wir im schlimmsten Fall. Jesus, der Sohn Gottes, Gott der Sohn. Gott schaut nicht von oben zu, wenn wir in Not sind und weiß letzten Endes nicht, wie das ist, als Mensch zu leben. Er kennt unser Leben von innen. Was uns bedrückt und Angst macht, erlebt er genauso drängend wie wir, er hat erfahren, wie das ist ausgeliefert und machtlos zu sein. Nichts, was uns geschieht, kann ihm egal sein. Und er erlebt auch unsere Freuden mit uns. Er freut sich an allem, was für uns das Leben gut macht.

Gott lässt anscheinend viel geschehen, viel mehr als wir verstehen. Aber durch Jesus hat er klargemacht, dass er nicht alles hinnimmt, schon gar nicht für immer. Das hat Jesus verkündigt, er hat das Reich Gottes angesagt. Und er hat „Wunder“ getan, eingegriffen, wo Menschen keine Chance mehr sahen. Ein Zeichen, dass Gott das Geschehen in der Welt nicht einfach aus der Hand gleitet. Und als Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, hat er klargemacht: Dazu steht er.

Jesus Tod hat uns etwas gebracht. Er trägt für uns Früchte. Aber wir können nicht nur die Früchte seines Todes ernten, wir können auch selbst Früchte seines Lebens und Todes werden, weitertragen, was er gebracht hat.

Jesus hat nicht nur viel, eigentlich alles, von Gott erwartet. Er hat aus dieser Erwartung heraus gelebt: Er hat das menschliche Leben mit allen Unsicherheiten und Risiken, mit dem Entsetzen über manches, was er sah, mit dem Leid, dass er ertragen hat angenommen. Ihm ist darüber die Welt nicht zum Jammertal geworden. Er hat nicht vergessen, dass Gott es auf Böse und Gute regnen lässt, er hat die Schönheit der Blumen nicht übersehen, die Gottes Schöpfung sind, er hat gewusst und daran erinnert, dass aus einem Korn hundert wachsen können … Diesem Gott hat er vertraut, darauf, dass er das Leid in der Welt auf Dauer nicht ertragen wird. Zu diesem Vertrauen lädt er uns ein.

Jesus hat die Welt und ihr Leiden angenommen, aber nicht hingenommen. Er hat sich ihm entgegengestellt, mit den Möglichkeiten, die Gott ihm gegeben hat. Er hat sich nicht entmutigen lassen, weil er immer wieder an Grenzen gestoßen ist. Wir vergessen oder verdrängen leicht, wie wenig er in seinem Leben die Welt tatsächlich verändert hat. Er hat das gesehen und ausgehalten. Was er tun konnte, daran hat er Gott am Werk gesehen. Und er wollte nichts anderes tun. In diese Lebenshaltung will er uns hineinziehen.

Jesus hat ein normales, halbwegs sicheres Leben mit einem Beruf, eingebunden in eine Familie und die Gemeinschaft seiner Heimatstadt dafür aufgegeben, sich auf ein ganz anderes Leben und seine Risiken eingelassen. Das sollten wir nicht vergessen, jetzt, wo wir uns plötzlich ganz anders verhalten sollen, als wir es sonst mit guten Gründen tun. Wir leiden darunter, dass das Leben so anders geworden ist, wir sperren uns dagegen, suchen Schlupflöcher. Bei manchen geht das so weit, dass sie einfach die Wirklichkeit verdrängen, große Partys feiern, als würde man dadurch nicht sich und andere in Gefahr bringen. (Ich ertappe mich selber dabei, dass ich nach Schlupflöchern suche, wie man doch über Ostern noch ein paar Gottesdienste hinmogeln könnte.) Jesus macht uns Mut, das Leben, wie es ist, anzunehmen und in seinen Grenzen zu gestalten. Er hat es vorgemacht. In den Grenzen, die uns jetzt gesetzt sind, können wir Wege finden füreinander da zu sein und füreinander zu sorgen. Und wir können aushalten, was uns jetzt abverlangt wird. Wir können uns an dem freuen, was auch jetzt schön und gut ist. Das ist eine Frucht seines Lebens für uns – und wir werden Frucht seines Lebens für die Welt, wenn wir ihm da nachfolgen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Frucht in unser Leben hinein, in die Welt hinein, und weit über die Corona-Zeiten hinaus.

Gebet:

Du Gott des Lebens, wir sorgen uns um unsere Gesundheit und die Gesundheit unserer Lieben. Hilf uns, dass wir gute Entscheidungen treffen und nicht leichtsinnig handeln. Und hilf uns auch, dass wir uns nicht von der Angst kontrollieren lassen.

Wir bitten dich für alle Kranken. Wir bitten Dich, dass die Intensiv- und Beatmungsplätze ausreichen, damit alle die es benötigen, versorgt werden können.

Wir bitten Dich für alle Beschäftigten in den Arztpraxen, Krankenhäusern, Laboren und alle, die für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens wichtig sind. Schenke du ihnen zusätzlich Kraft, damit sie ihren Dienst tun können. Beschütze sie vor Ansteckung und Überlastung.

Wir bitten Dich für alle, die Verantwortung tragen, dass sie weise Entscheidungen treffen. Leite Du sie.

Du Gott des Lebens, erbarme dich über uns und hilf uns dir zu vertrauen. Tröste uns in der Not. Stärke uns in der Liebe. Lass uns erfahren, dass du da bist.

Vaterunser

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen (laut sprechen) (eventuell Hände zum “Segenskörbchen“ falten oder Hände öffnen)

Gott segne uns und behüte uns.

Gott lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen

Stille                                      -           Kerze auspusten

Andacht zum 19.03.2020

Bild: ©Beate Ellenberger

 

Wie ist das, wenn eine/r Hilfe braucht….

 

Das ist, was Jesus dazu erzählt.

 

Einer ist ganz eifrig. Will alles richtig machen und ewiges Leben.

Er fragt Jesus nach den Vorschriften.

Dann fäll es ihm selbst ein, was er gelernt hat.

Liebe Gott und deinen Nächsten und dich selbst.

Stimmt, sagt Jesus. Tust du das, wirst du leben.

Eigentlich einfach. Aber es könnte unbequem werden.

Darum vielleicht erst mal die mal die Gegenfrage stellen:

 

 

Wer ist denn mein Nächster?

 

Jesus erzählt es ihm, wer der Nächste ist. Und so ist es bis heute.

Einer wird überfallen. Er liegt am Boden. Es geht ihm schlecht.

Die Räuber machen sich aus dem Staub.

Andere sind da auch unterwegs.

Ein Priester kommt vorbei. Der Priester sieht den Überfallenen und geht an ihm vorbei.

Ein Levit. Von dem hätte man auch erwartet, dass er hilft.

Der Levit sieht ihn und geht auch an ihm vorbei.

Jetzt kommt einer, von dem erwartet sonst keiner etwas.

Ein Ausländer. Einer mit anderem Glauben. Das ist der Samariter.

Der Samariter sieht den Verwundeten und bekommt Mitleid.

Der Samariter geht nicht an ihm vorbei. Er ist barmherzig.

Er hilft dem Verletzten, versorgt seine Wunden und bringt ihn in die Herberge.

Dort ist der Wirt. Er sorgt weiter für den Verwundeten.

Der Samariter bezahlt dem Wirt die Pflege ordentlich.

Und er will wiederkommen und nach ihm sehen.

 

Jetzt sag mal: Wer von den dreien ist der Nächste geworden für den Überfallenen?

Die Antwort ist klar: Der, der geholfen hat.

Jesus sagt: Dann geh und mach es ebenso.

 

So ist es doch. Eine alte Geschichte.  Es passiert jeden Tag.

 

Einer braucht Hilfe.

Zwei helfen nicht. Einer hilft.

Kein Vorwurf, kein Lob.

Keine Unterlassungsklage, kein Bundesverdienstkreuz.

Einer braucht Hilfe.

Einer hilft.

Und wem bist du der Nächste?

 

Leidvoll ist jetzt: Wir sollen einander nicht so besuchen wie sonst.

Und eigentlich täte jetzt der Zusammenhalt mit Familie und Freunden gut.

Aber wer sagt denn, dass man ein kleineres (Enkel)Kind nicht auch mal ein wenig über das Telefon hüten kann?

Oder den Schulkindern und Abiturienten am Telefon zuhören.

Ihnen von früher erzählen oder erklären, wie man Brot bäckt.

Und die Jungen kennen sich mit dem Internet aus.

Die Hilfsnetzwerke von Facebook können durch sie zur (Ur)Oma gelangen.

Und schon sind für die beiden Katzen der Oma, die im Krankenhaus liegt, zwei Körbe gefunden.

Dazu gleich mehrere Alternativen zum Füttern.

 

 

Vielleicht brauchst Du in diesen Tagen selbst ganz praktische Hilfe.

Dann melde Dich bei jemandem.

Auf Facebook und in der analogen Welt.

Spätestens in diesen Tagen wird Nachbarschaft wichtig.

Es gibt so viele Wege zueinander. Wir lernen dazu. Wir werden mutiger.

 

Wer hätte das gedacht: Es gibt doch so viele Samariter*innen.

Da wird die Welt für diesen Moment wieder rund und schön.

Lasst uns das nicht übersehen. Und den Frühling und die Blumen.

 

 

Wir können die Menschen, die wir lieben, nicht alle so kontaktieren wie sonst.

Aber füreinander beten. Aneinander denken.

Wenn viele mitmachen, teilen wir mit dem Licht die Hoffnung für die Welt.

Lasst uns beim Abendläuten eine Kerze ins Fenster stellen und beten.

 

Herzliche Grüße

Pfarrerin Beate Ellenberger, Rommelsbach – Abendläuten hier um 18 Uhr

 

 

Mein‘ Leib und meine Seele,

Gemahl, Gut, Ehr und Kind

in dein Händ ich befehle

und die mir nahe sind

als dein Geschenk und Gab,

mein Eltern und Verwandten,

mein Freunde und Bekannten

und alles, was ich hab.

 

(Evangelisches Gesangbuch, Nummer 443, Strophe 4)

 

 

Diese Andacht ist zum Teilen gedacht.

Ruf doch mal bei jemandem an und lass Deine Stimme hören.

Das kann guttun, und dann fällt einem die Decke nicht auf den Kopf!

 

Frag vorher vielleicht, ob das Ohr am anderen Ende das gerade hören kann.

Jesus hat die Leute, denen er geholfen hat, auch erst mal gefragt:

Was willst Du, was ich für dich tun soll?

 

Andacht zum 17.03.2020

Sonne und Natur

© original_clipdealer.de

„Man muss dankbar sein“, das sagte vor einigen Monaten eine ältere Frau zu mir. Sie wohnt alleine und freut sich über den Besuch der Pfarrerin. Als ich sie frage, wie es ihr geht, sagt sie diesen Satz.

„Man muss dankbar sein.“

Ich höre diesen Satz so oder so ähnlich öfter von älteren Menschen. „Wofür sind Sie denn dankbar?“, frage ich dann zurück.

„Dafür, dass ich jeden Tag aufstehen kann.“

„Für meine lange Ehe, auch wenn es nicht immer leicht war.“

„Für meine Nachbarn.“

 „Dafür, dass mein Garten blüht.“

„Dafür, dass ich nach meinem Unfall wieder auf die Beine gekommen bin.“

Viele Gründe, um dankbar zu sein. Die Dankbarkeit kann die Perspektive wechseln, weg von dem, was schief geht oder schlecht ist, hin zu dem, was gelungen ist oder wo ich beschenkt wurde in meinem Leben.

Und wofür sind Sie dankbar?

Was sind die kleinen Freuden in diesem ungewöhnlichen Alltag für Sie? Was sind die großen Freuden oder Geschenke in Ihrem Leben?

Ich bin in diesen Tagen dankbar für die Frühlingssonne, für die Solidarität, die zwischen den Menschen wächst, für eine alte Freundin, die fragt, wie es mir geht und für das leckere Eis, das ich auf meinem Balkon essen konnte. Und ich bin dankbar für meinen Glauben und das Gebet, in dem ich Gottes alles sagen kann, was mich bewegt. Ich kann Ängste abladen und Ruhe finden. Ich kann aber auch daran erinnert werden, dass ich reich beschenkt bin.

In einem Psalm in der Bibel heißt es: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Ps 103,2)

Manchmal vergesse ich, dass ich dankbar sein kann und dann bin ich froh, wenn mich jemand daran erinnert. Wenn mich beispielsweise der Psalm oder die ältere Frau darauf hinweist, was es alles Gutes in meinem Leben gibt.

Bleiben Sie gesund und gesegnet!

Ihre Pfarrerin

Inga Kaltschnee